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Central-Verein-Zeitung · 1924-03-27 · 13 (27.3.1924) · p. Seite 142

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
13 (27.3.1924)
Date
1924-03-27
Page
Seite 142 (sequence 2)
Language
German
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Loses der unfreiere Arbeiter bedacht war. Die biblische Agrargesetzgebung, die den Rückfall der Felder nach sündig Jahren an -die Familie des einstigen Besitzers vor sieht, will den Kleinbauer erhalten und die Latifundienbildung verhindern. Die Ecken des Feldes, die Nachlese aus Acker und Weinberg war dem Armen überlassen, wie überhaupt die Armenpflege in biblischer und erst recht in talmudischer Gesetzgebung Planmäßig und vorbildlich organisiert war- Ich brauche Ihnen, sehr geehrter Herr Hofprediger*, das alles gewiß nicht bis ins einzelne zu schildern. Ihnen ist aber doch wohl ebenso Mt auch bekannt, daß die Bibel trotz aller Gerechtigkeit gegenüber den Armen und Bedrückten ein aristokratisches Buch in höherem Sinne des Wortes ist. Nicht die Masse entscheidet, sondern der Geist, die Hoheit der Gesinnung, die wahre innere Vornehmheit. Nirgends begegnet man einer so hohen Achtung vor der Autorität und vor der geistigen Größe als wie in Bibel und Talmud. Daraus mag es sich erklären lafien, daß man I u d e n trotz aller Hemmungen auch in rechts gerichteten Parteien, ja sogar hier an führender Stelle findet. Entstammt doch das geistige Rüstzeug der konservativen Partei dem Kopfe des Friedrich Stahl, der als Jude geboren wurde. Er ist der theoretische Rechtfertiger der konstitutionellen Monarchie, die später durch Bismarck zur praktischen Wahrheit gemacht worden ist. Und die Nationalliberale Partei konstituierte sich am 17. November 1866 im Preußischen Abgeordnetenhause auf Grund einer vom Juden Lasker entworfenen Erklärung. Und ist denn wirklich, wie immer wieder von antisemitischer Seite behauptet wird, Judentum identisch mit Materialismus? Wenn dem so wäre, dchm müßte unter den Philosophen die Zahl der Juden als Vorkämpfer dieser Weltanschauung naturgemäß besonders groß gewesen sein. Dem ist aber nicht so. Friedrich Albert Lange hat eine Geschichte des Materialismus geschrieben. Hunderte von Namen sind im Namenverzeichnis ausgesührt, aber nicht ein einziger namhafter Jude ist darunter. Es gibt in der gesamten Geschichte der Philosophie keinen einzigen jüdischen Vorkämpfer dieser Lehre, von Democrit, Epikur und Lucrez angesangen bis Moleschott, Carl Vogt und Büchner. Juden waren vielmehr immer mehr auf der andern Seite, der des Idealismus. Man braucht doch bloß, was uns Anhaltinern besonders nahe liegt, an unfern Moses Mendelssohn zu denken oder an den in Gröbzig geborenen Philosophen Steinthal, der gemeinsam mit Professor Lazarus Begründer der „Völkerpsychologie" gewesen, und vor allem au den aus Coswig stammenden Hermann Cohen, den anerkannten Marburger Philosophen. Sie waren nicht bloß Zierden deutscher Wissenschaft, sondern wahrhafte Träger echten deutschen Idealismus. Und was die jüdischen Denker lehrten, das haben die Inden von den ältesten Tagen bis zur Gegenwart im Leben betätigt. Sie waren Idealisten. Oder waren das etwa Vertreter materieller Lebensanschauung, die im Altertum, mit den Lehren ihrer Propheten im Herzen, den Kampf gegen das gesamte Heidentum ausgenommen haben? Waren das „Materialisten", denen im Mittelalter Staat und Kirche alle Herrlichkeiten irdifcher und himmlischer Seligkeit versprachen, wenn sie ihrem Glauben untreu würden, die aber lieber zu ungezähltes Tausenden alle Schrecken der Inquisition, alle nur erdenkbaren Qualen erduldeten, um nur an ihrem Ideal nicht Verrat zu üben? Oder sind das endlich „Materialisten", die in der Gegenwart, wie in Rußland, Galizien, Rumänien, dem größten Elend preisgegeben sind, so daß man nur mit tiefster seelischer Erschütterung von solch grauenhaften Bildern menschlicher Not vernehmen kann? Und dabei wäre es diesen Millionen ein Leichtes gewesen, durch Uebertritt zum herrschenden Glauben ihre materielle Lage zu verbessern. An Lockungen aller Art hat es wahrlich nicht gefehlt, wie bei uns in Deutschland, wo der getaufte Jude säst immer noch die höchsten Stellen und Ehren erreichen konnte, die dem charakterfesten, treuen Juden versagt blieben. Warum haben die als so geschäftstüchtig verschrieenen Juden dieses ihnen mit höchstem Gewinn vorgeschlagene „Geschäft" des Glaubensschachers bis auf wenige Ausnahmen abgelehnt? Warum lassen sie lieber diese widrige Schmutzwelle des Antisemitismus weiter über sich ergehen? Es gibt nur eine Antwort: weil die Juden allen Verfehlungen einzelner habgieriger und ehrloser Juden zum Trotz in ihrer Gesamtheit Idealisten geblieben find und weiter bleiben wollen. Als solche Idealisten haben die Juden übrigens auch das Friedens: deal alle Zeit hochgehalten und waren erfüllt und getragen von jenem Pazifismus, gegen den Sie, sehr geehrter Herr Hosprediger, die Kampfparole ausgegeben haben, wie mir scheint, zu Unrecht und nicht aus reli¬ *) Gerichtet an Herrn Hosprediger Bindemann (Dessau). giösem Geiste heraus. Zwischen Gottesfrieden und W elch fr ied en dürfte doch wohl,kaum eine solche „weltweite Verschiedenheit" herrschen, wie Sie zu behaupten belieben. Wenigstens entspricht das keinesfalls der Heiligen Schrift, weder dem Alten Testament, das gebietet: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", noch' erst recht dein Neuen Testament mit seinem Gebote der Femdesliebe. Für die Heilige Schrift klingt immer noch der höchste Segen in Frieden aus; wie sie mit dem Frieden des Paradieses beginnt, so schließt sie mit dem Frieden des mefsianischen Zeitalters, in dem man ,-die Schwerter zu Sicheln und die Lanzen zu Rebenmesseru' umschmieden und nicht mehr Kriegshandwerk erlernen wird". Gewiß muß es Zugeständnisse geben, die auch die Religion dem Kriege, dem „Beweger des Menschengeschlechts" zu machen hat und auch wohl noch in Zukunft oft genug wird machen müssen, aber als eine ewige Notwendigkeit und als ein Moment der sittlichen und göttlichen Weltordnung kann man pom religiösen Standpunkt aus den Krieg keinesfalls gelten lassen. Der eine Gott, als der liebende Vater aller Menschen, muß die in Recht und Frieden geeinte Menschheit fordern, wie das die Propheten oft genug in glühender Begeisterung gekündet. Und wenn die höchste Sehnsucht aller Religion und Ethik nach Ausdruck ringt' in der schönen Bitte: „Dein Reich komme", so denkt man damit doch wohl auch an einen Weltfrieden, an eine Zeit der Erlösung der Menschheit von den sittlichen Uebeln, von Hader, Zwietracht, Haß und Unfrieden. Und nun zum Schluß noch eins. Ich habe keineswegs die Absicht, die Juden zu idealisieren und alles zu beschönigen, sondern nur das billige Verlangen nach einem gerechten Maßstab für die Beurteilung derselben. Ich weiß wohl, und es ist ja auch selbstverständlich, daß es auch unter den Juden häßliche Erscheinungen gibt, aber es ist doch nicht gerecht, aus Einzelerscheinungen ein allgemeines Urteil zu gründen. Wir Deutsche haben uns mit Recht immer dagegen verwahrt, für die Roheit irgendeines, des deutschen Namens unwürdigen Soldaten unser" ganzes deutsches Heer verantwortlich gemacht zu sehen. Warum soll man in der Judenfrage anders und unge rechter verfahren? Und wenn man wirklich häßliche Erscheinungen finden sollte, die nicht nur dem einzelnen, sondern der Gesamtheit anhaften, dann sollte man nicht eher verurteilen, als bis man den Grund für diese Erscheinungen geprüft hat. Dann wirdman vielleicht erkennen, daß so manches nicht d e n I u d e n zur Last gelegt werden darf, sondern dem Verlaus und der Entw icklung einer Geschichte, an der der Jude den geringsten Teil der Schuld trägt, die ihm weit mehr durch die n i ch t j ü d i s ch e U mw e l t diktiert worden ist. Wir leben in einer Zeit der höchsten Spannung, in der gar leicht Leidenschaften entfesselt werden können. Gerade darum aber muß man mit Aeußerungen, die verletze n d undverhetze n d wirken können, um so v o r s i ch - ti g e r sein, zumal wenn man an so expo ni ert er Stelle steht, wie Sie, sehr geehrter Herr Hofprediger. Wir erleben eine Zeit, in der wir die kümmerlichen Reste von Kultur in- Ler Welt und zumal in unserem aus tausend Wunden blu- Lenden geliebten B a t e r l a n d e gemeinsam aufrichten müssen. Da gilt es, nicht weiter einzureißen und zu z e r - stören, sondern au fzuba ue n und zu heilen. Nichts tut uns heute so bitter not, als innere Eintracht und Einigkeit. Da sollten wir nach Möglichkeit das Trennende zu überwinden suchen und an die gemeinsame Arbeit gehen, in der Neberzeugung von der Wahrheit des Dichterwortes: Eines ist, was nützt: die Klarheit; eines ist, was besteht: -das Recht; eines ist, was besänftigt: die Liebe. Richtet sie nach ihren Taten! Hitlers „national er" Finanzmann. Der wi-rM)astsP'0li;tisch,e Sachverständige des Herrn Hitler ist ein Herr Fe d e r, der setzt viel von sich reden macht. Er hat unter anderem „die Brechung der Z i ns kn echt sch a st" verlangt und dieses neue Schlagwort in die Massen geschleudert. Natürlich forderte er Beschlagnahme und Sperrung sämtlicher Bankguthaben, wenigstens in der Theorie; denn er selbst besaß auch ein Bankguthaben, dessen Sperrung ihm aber weniger sympathisch gewesen wäre. Am 8. November v. I., also kurz bevor er fürchten mußte, daß seine Theorie in München in die Praxis umgesetzt werden mußte, versuchte er, sein Bankguthaben abzuheben. Die Münchener Bank tonnte aber seinen Wunsch nicht restlos erfüllen, da ein Teil seiner Papiere nicht in München lagerte.^ Welch Glück für Herrn Feder, daß der Nationalstaat nicht zustande kam!

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