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Central-Verein-Zeitung · 1924-03-27 · 13 (27.3.1924) · p. Seite 141

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
13 (27.3.1924)
Date
1924-03-27
Page
Seite 141 (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 10 Golöpfennig Serlin, 27. März 1924 HI. Jahrgang 9 Nr.73 VlStter färpentffUum^] unöluoentum foryan des lLntnüVerems deutscher StmHsdüryerjüöiscden Vlauvens'Ä». clss OrrctSmrrtnms Verlas u. Schriftleitung: Central-Verein öeutfcher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.v. Gerlin SÜ)bS, Linüenstr. lZ Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595 .% Telegrammadresse: „Centralglauben Berlin" Postscheckkonto: Berlin 30472 Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube 0, Berlin 8>V 68, Lindenstr. 7 Monat sabonn emeni (ein vierteljährliches gibt es vorläufig nicht) 40 Goldpfennig Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Masse, Berlin SW 19, unb deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,75 Goldmark für die 7gespaltene Leite nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins 0,40 Gold mark, die 90 mm breite Reklamezette 4 Goldmark. Der wahre jüdische Geist. Ein offener Gries von Lanüesrabbiner Dr. Walter (Deffauj. Sehr geehrter Hern Hvfprediger! - Sie haben sich in der letzten. Zeit in Wort und Schrift mehrfach mit der Judenfrage beschäftigt und dieselbe besonders bei Gelegenheit der Reichsgründungsfeier im Kristall Pa last in eingehenden Ausführungen behandelt. Das ist Ihr gutes Recht. Sie werden es jedoch verständlich finden, wenn ich Ihnen einiges erwidere, zumal Sie rn erfreulicher Weise bekennen, daß Sie „von niedrigem, wüstem Antisemitismus" entfernt sind und mit „vulgärem Rassenantisemitismus nichts gemein haben", sondern auf .„strengste Sachlichkeit" Wert legen. Ich darf daher annehmen, haß Ihnen jm Interesse der Wahrheit eine Erwiderung und Richtigstellung meinerseits erwünscht erscheint. - Ihre Behauptungen laufen im großen und ganzen darauf hinaus, daß Sie gegen das Judentum den Vorwurf des „marxistisch - atheistischen mechanistischen" Geistes erheben, dessen Träger und Verbreiter das Judentum sei, und durch den es zersetzend und revolutionär gewirkt habe. , Ich will nicht in Abrede stellen, daß vielfach Juden Träger und Verbreiter des marxistischen Geistes waren und sich den radikalen Parteien angeschlossen haben. Das ist jedoch nicht verwunderlich und läßt sich psychologisch leicht erklären. Stets gehörten die Juden zu den Stiefkindern des Staates und der Gesellschaft und waren schweren Bedrückungen und Verfolgungen ausgesetzt. Fast immer ging eine judenfeindliche Politik Hand in Hand mit' innerpolitischer Reaktion und mit Unterdrückung aller freien fortschrittlichen Geistesregungen. So trieb man geradezu gewaltsam die Juden ins Lager der Opposition und machte sie zu Bundesgenossen des seine Fesseln lockernden Proletariats, dem sie im übrigen um so lieber ihre Kräfte widmeten, als seit jeher ein stark ausgeprägter sozialer und politischer Betätigungsdrang ihnen innewohnte. ' Und'man kann sich nur darüber wundern, daß die Juden, die zu den Gedrücktesten unter den Gedrückten gehörten, nicht in noch viel größerer Zahl zu den radikalen Parteien übergingen. . . . Gleichwohl wird man nicht behaupten dürfen, daß die ungeheure Macht und Verbreitung der marxistischen Bewegung auf die Beteiligung und Führerschaft der Juden zurückzuführen ist. Sie entspricht vielmehr dem tiesen Sehnen der Menschen, in welchen in der neuen Zeit eine neue Bewertung der Erdengüter Platz gegriffen hatte. Seit man nicht Mehr wie Diogenes in öffentlichen Säulenhallen schlafen und in völliger. Bedürfnislosigkeit leben konnte, und seit das Geld Jedes Mttfflied muss für in ganz anderer Weise als einstmals die Pforten geistiger und künstlerischer Anregung zu öffnen vermochte, seitdem fühlte man sich abgestoßen von der Religion der reinen Jenseitigkeit, und es machte sich ein mächtiges Sehnen nach einem Glauben der ausschließlichen Diesseitigkeit geltend, einem Glauben, der die materiellen Werte grundsätzlich.und leidenschaftlich bejahte und nach Anteil an den Gütern dieser Welt strebte. Mit dem Rüstzeug philosophischer und historischer Kritik zerpflückte diese „materialistische" Weltanschauung, die dem Marxismus zugrunde liegt, die naiven Vorstellungen von Gott und vom Jenseits, zerstörte die Achtung vor Religion und Kirchenglauben und gab der reinen Diesseitigkeit der Güterlehre ihre wissenschaftliche — oder vielleicht scheinwissenschaftliche — Rechtfertigung. Solche Anschauungen aber entsprachen dem tiefen Sehnen nicht , nur. der. Arbeitermassen, «sondern überhaupt einer Zeit, deren soziale Zustände die alten Bande örtlicher und familiärer Gebundenheit lockerten, deren Wissenschaft im. kühnen Aufbau eines autoritätsfreien Weltbildes ihre Kraft erprobte, deren Technik den zuckenden Strahl und die rollende Woge in den Dienst menschlicher Bedürfnisse zwang. Nicht nur die Arbeiterklassen, sondern auch die bürgerlichen Kreise, namentlich diejenigen, in denen eine ihre Grenze überschreitende Naturwissenschaft den Inhalt oder doch die Festigkeit des alten Glaubens und der religiös verankerten Moral zersetzt hatte/riefen geradezu nach einem Propheten, der ihnen jene Lebensanschauung in Form faßte, so daß sie derselben in ungestümer Kraftentfaltung mit leidenschaftlichem Genüsse huldigten. Somit ist es irrig, den marxistischen Geist einzig und einseitig den Juden zur Last zu legen. Noch weit irriger aber ist es, für die Beteiligung der Juden an dieser Bewegung daS Judentum verantwortlich zu machen und sie mit der jüdischen Lehre in Verbindung zu bringen. Mehr als sonst irgendwo werden wir hier unterscheiden müssen zwischen Judentum als Lehre und den einzelnen Bekennern der jüdischen Gemeinschaft. Mit der Lehre des Judentums haben solche Erscheinungen des Marxismus und des Materialismus auch nicht dasgeringste zu tun. Gewiß betonen und predigen Bibel und Talmud, diese Quellenschriften des Judentums, nichts so sehr als den Sozialismus/das heißt die ausgleichende Gerechtigkeit der Volksschichten, die Aussöhnung der Klassen, den Ausgleich der Gegensätze. Die Bibel des Alten Testaments war es, die zuerst Anstoß nahm an der Sklaverei und auf äußerste Hebung des den Wndlfends spenden!

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