Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 1-2 (10.1.1924)
- Date
- 1924-01-10
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 wünschte ein Komitee mit dem Zwecke, ein Zentrum &u sein für die idealen Aufgaben der Inden in Deutschland, für die - idealen Aufgaben, welche sie im Dienste des Vaterlandes, zu Nutz und Frommen der deutschen Nation an sich selber als Juden zu vollbringen hätten. Komitees sind mehrfach entstanden und haben, wie Fuchs es immer wieder betonte, in vielen Dingen ausgezeichnet gewirkt. Und doch ' war seine Seele dem „Notaöelntum" so sehr abgeneigt; denn er sowohl wie auch sein unvergeßlicher. Mitstreiter Hör Witz haben in einein allein die Rettung des Judentums gesehen: in der von Fuchs gewollten und benannten Demokratisierung der Abwehr. Die M e n s ch e n bis z u m l etzte n t) era n - ziehen, das war die L o s u n g v o n E u g e n F u ch s. Der Standpunkt der alten Demokratie beruhte auf dem: „Olli pl'okumuu voigus et arceo." „Favete Unguis." Ich liebe nicht das gewöhnliche Volk und halte es von mir fern. Seid mir im Schweigen geneigt." Das Gegen teil wollte Eugen Fuchs, und wenn er mit Maximilian Horwitz in einem Recht gehabt hat, so war es darin, daß wichtiger als alle Politik, wichtiger als kleinere oder größere Erfolge in der politischen Arbeit zunächst einmal die Schaffung einer Armee selbstbewußter und bescheidener Mitkämpfer ist. Im Kreise der verängstigten, politisch teilweise unfähigen, durch die Verhältnisse egoistisch und engherzig gewordenen Juden ist ihr Entstehen nicht ganz leicht geworden. Erst neulich hat eine größere Ortsgruppe des Eentral-Vereins eineu Vortrag abgelehnt, weil dieser nicht verschwiegen bleiben könne und^dadurch die Judenfeinde vielleicht geweckt würden. Ja, die Tätigkeit und der Segen von Fuchs' Arbeit ist zwar in alle Or.'gruppen gedrungen; aber es gibt immer noch solche, die von seinem Geiste wenig verspürt haben. Den Schmerz, solches zu erfahren, hat er glücklicherweise! nicht mehr erlebt. Wenn dann Fuchs zu uns oster sagte: Organisation ist alles, so lag in dieser kleinen Uebertreibung unendliche Weisheit; denn der Judenhaß wird nicht durch diplomatische Schachzüge und durch Allsklärung in kleinem Kreise, sondern nur durch die g e w a l t i g e V o l k s b e w e g u n g u n d V o l k s a u f k l ä - r il n g zu bekämpfen und niederzuringen sein. Darum ist die demokratische Grundlage unserer Verfassung ein Haupterbe, das uns unser Eugen Fuchs zur Pflege hinterlassen hat. Darum auch hat Fuchs jenen in der ihm eigenen Klarheit forniulierten Sah fortgesetzt betont: „Je länger, je mehr wurde uns klar, daß zn dlefem Kampf die gesamte de u t sch e I n bc nh e i t herangezogen werden nmßte. S e l b st b e w u ßtsei n, S c l b st w e h r n u d S e l b st - zucht mußten Gemeingut aller jüdischen Deutschen werden. Die Abwehr mußte demokratisiert, jeder zur Mitarbeit herangezogen, die Bereinskätigkeit dezentralisiert, eia über ganz Deutschland verbreitetes Netz von Ortsgruppen, Provinzial- und Landesverbänden geschaffen, die Verbindung mit der Zentralleitung durch Telegiertenversammlnngen hergestellt werden. Je tanger, je mehr erkannten wir, daß der Kampf hoffnungslos ist, wenn er sich nur auf unser formelles Recht stützt, auf rein negative Abwehrtätigkeit beschränkt; wir durften nicht bloß an unseren Symptomen kurieren, wir lnufiten positiv eintreten für die Erstarkung und G l e i chb e w e r t u nq des Jndentmns/' An der Schaffung eines sogenannten Positiven P r o g r a m m s hat Fuchs stets gearbeitet. Ohne daß dieses positive Programm jemals paragraphisch-starr endgültig formuliert worden wäre,-ist es durch die Arbeit der letzten Jahre in die Wirklichkeit umgesetzt worden. Das weiß jeder, der im Eentral-Vereiu arbeitet und der sieht, wie er sich täglich mehr von dem Wesen eines sogenannten Abwehrveveins 'trennt. In Eugen Fuchs hat der Central-Verein seinen großen geistigen Führer verloren, nachdem uns schon vorher Marimtliaix Horwitz, der glänzende Organisator, der Praktische, wahrhaft kluge Politische Führer entrifsssen worden war. Wie wir an der Bahre der Toten nicht klagen und nicht jammern, sondern den Namen Gottes heiligen und loben sollen, so werden wir nach diesem Rückblick auf die Tätigkeit unseres Führers einsehen, daß wir ihm nur danken können, wenn wir seinen Gedanken dienen und sie ausbauen. Dieser Ausbau liegt in einer wissenschaftlichen Ergründung der Psychologie der Massen, in der Erforschung, wie die Suggestion der Menge immer wieder aufkommen konnte, kurz in soziologischen, psychologischen und psychoanalytischenForschungen. Diese Tätigkeit muß aufgebaut werden auf der Grundlage, die Horwitz und Fuchs uns geschaffen haben. Neuerdings haben Jüdischnationale wiederum von einem Bankerott des Central-Vereius gesprochen, weil wir in Deutschland die traurigen Zeiten erleben mußten, in denen wir zum Teil jetzt noch stehen. Der warmherzige Fuchs, der niemals ein scharfes Wort über jüdische Gegner geäußert hat, war empört über solche Behauptungen und die ihnen zugrunde liegenden Gemütseiustellungen, die verraten, daß ihren Urhebern auch nicht eine Spur von Einsicht in die Zusammenhänge der Politik der Minderheiten eignet. „W i v w erde n n o ch lange k ä m p f e n , u n d iu ix" werd e n n o ch s ch l i m m e r e Zeiten erlebe n", meinte Engen Fuchs zu dem Verfasser dieser Zeilen, „u n> d der Wellengang der Weltgeschichte wird bis zur endgültigen B e r u h i g u n g n o ch m a n ch e W o g e n ü b e r u u s aus - gieße n.?'( b e r w e n n w i r st ä r k e r w e r den, w e n n wir j ü d i s ch e r u n d w enn wix beut s ch e r werden, lv erden wir b e s s e r werde n u nb g a n z a n d e r s i n der Lage s e i n , A n griffe g e g e n u n s z u v e r - h ü t e n." Darum sind loir Erben von Engen Fuchs mit furchtbar schweren Vermächtnissen belastet, und wir müssen noch ganz anders arbeiten, noch viel tatkräftiger, noch viel geistiger, um unsere Schulden an dem aus den Gefilden der Ewigkeit auf uns herabschauenden großen Manne aozutrageu. W i r w o l - len e 8 t u n it ud w i r w e r d e n e s t u n , und wir werden die Tatkraft, die der Name dieses herrlichen Mannes in der Wett Hintertassen hat, ans uns hinlenken, wenn wir sein Werk vollenden. Eugen Zuchs' letzte Fahrt. Am 26. Dezember gaben wir Eugen Fuchs das übte Geleit. In beiden Seiten, längs dein Sünlengange der alten Halle in Weißensee standen wir m dunklen Ikeihcn!, des Toten harrend, fröstelnd in der eisigen Winterlnft, erschauernd im Gefühl der Verarmung, da bald die Stunde schlagen mußte, die uns von dem schied, was irdisch am Verblichenen war. Wir folgten dem Sarge in die Halle. Chorgesang und Orgelspiel leiteten die Trauerfeier ein. Daun klang die Stimme des Rabbiners: „T i e Fülle, die eines - M c ii s ch e ii Lebe n e r f n l t t, d i e s p i e g e l t s i cl) w i d e r i n der Fülle, die ihm i m Tode it m g i b t." Mit l-ijebevoller Vertiefung zeichnete Dr. Warschauer die Persönlichkeit 'des Verklärten in ihrer ganzen, vielnmfassenden Größe. Aus einer Quelle leitete er den Kriaftstrom her, der dem Wirken Eugen Fuchs', wo auch immer es in die Erscheinung trat, jene Bedeutung und jene hinreißende Wirkung verlieh, die ihn zu dem machte, was er war: zu einem Großen in Israel, zn einem Führer des deutschen Judentums. Sein Andenken werde unvergessen bleiben. Dem Juristen nlld Kollegen Eugen Fuchs riefen Gehet m r a t Heinitz namens der Berliner A n w a l t s k a m m e r und Justizrat Hahn für den Deutschen An-wa l t s v ere i n rühmende Worte dankbarer Erinnerung nach. Sie würdigten den Werdegangdes jungen Assessors, der, nach einer kurzen Zwischenstation als beisitzender Richter in einer Zivilkammer, bald als Rechtsanwalt am Kammergericht die Aufmerksamkeit von Richtern und Kollegen durch die Klarheit, Entschiedenheit und Sicherheit seines Urteils erregte. Das Bovtr-anen der Kollegen berief ihn in die« Vorstände der Bernssorganisationen, wo er in nuermüdlicher Arbeit für die Bedeutung und die Würde seines Standes wirkte. Die Auer- " kennung seiner Kollegen kam besonders zum Ausdruck, als der Anwaltschaft die Zuziehung eines Anwaltes bei der großen Justiz- Prüfungskommission zngebilligt wnrde. Eugen Fuchs wurde vorgeschlagen und berufen und wirkte mm lange Jahre hindurch als strenger, aber verständnisvoller und beliebter Examinator. Im deutschen Anwaltstand werde die Lücke, die das Scheiden Engen Fuchs' gerissen, schwer zn füllen sein-. F ü r den C. B. nahm dessen erster Vorsitzender Justizrat Dr. Julius Brodnitz das Wort: „Rach Maximilian Horwitz Eugen Fuchs! Dieser feurige Prophetenkopf soll nicht mehr unter uns sein! Ein geradezu unfaßbarer Gedanke. Und doch darf in der heiligen Stunde, in der wir uns an der Bahre unseres Meisters und Freundes vereinen, nicht weichliche Klage ertönen. Eine Sabbathstimmung geht von dieser Bahre aus. Nicht wir sprechen ans übervollem Herzen zu dem Freunde, sondern seine Stimme erhebt sich zu letzten Segensworten. Wer wollte in diesem Augenblick das Leben des Dahingegangenen schildern. Eine Welt -ersteht im Rückblick vor unserer Seele. Wir müssen Zeit gewinnen, um die Kraft zu finden, die Welt zu schildern, zu der Eugen Fuchs sein Menschentum entwickelt hat. Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens trägt das Gepräge seiner Persönlichkeit nicht so sehr in der programmatischen Verankerung seiner Grundsätze, als in der vorbildlichen Gestaltung seines eigenen inneren Lebens. Fernerstehende sagen wohl manchesmal oder wohl meist in Engen Fuchs nur den Führer in dem Kampfe ums Recht, Was aber das Leben dieses