Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 46.1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die 200. Wiederkehr des Geburtstags Moses Mendelssohns am 6. September d. J. ist für das Judentum ein Gedenktag von erhabener Bedeutung. An den Namen Moses Mendelssohn knüpft sich die gewaltigste Wandlung an, die im Leben der europäischen Judenheit zu verzeichnen ist. Als Mensch und als Philosoph erfreute er sich so hohen Ansehens, daß durch seine Existenz allein das alte generelle Vorurteil gegen alle Juden überwunden werden mußte. Der erste Jude, der schon bei Lebzeiten Weltgeltung erlangt hatte, wendete er seinen Blick nicht von seinen Glaubensgenossen ab, sondern mühte sich um die Hebung ihres Seins und ihrer Stellung, vor allem um; die Erziehung, die er, im Geiste der Aufklärung, als die Grundlage jeder Verbesserung betrachtete. So hat Mendelssohn unaufhörlich zur Einrichtung von Schulen gemahnt und an der Begründung der Berliner „Jüdischen Freischule", der ersten ihrer Art, tätig teilgenommen. Sein Kreis führte den Kampf für die Erweiterung des Unterrichts der jüdischen Kinder auf die profanen Fächer, für die Anwendungverbesserter Methoden und Lehrbücher und verfocht gegen heftigste Widerstände ein Prinzip, dem heute innerhalb des Judentums kaum noch jemand widerspricht. Von Moses Mendelssohns Beteiligung an den philosophischen Arbeiten seiner Zeit, von seinen Erziehungsbestrebungen, von der Heranführung der Juden an die allgemeine Bildung führt eine gerade Linie zur Wissenschaft des Judentums. Sie hat, was durch die Aufklärung begonnen wurde, im Zeitalter der Romantik vollendet und den neuen Weg gewiesen, auf dem das Judentum nicht mehr lediglich empfangender Teil blieb, sondern gebender Teil wurde und von sich aus einen Beitrag zur allgemeinen Erkenntnis lieferte. Indem die Wissenschaft des Judentums sich in die Gesamtheit der Wissenschaften einordnet, tritt sie in Wechselbeziehung zu anderen Zweigen der Wissenschaft, schöpft aus ihnen Anregung und bereichert sie durch ihre Forschungsarbeit und ihre Ergebnisse. So fühlt sich die Wissenschaft des Judentums Moses Mendelssohn als einem mächtigen Anreger und Aufrüttler zu tiefstem Dank verpflichtet. 5