Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 3 (1906)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1906)
- Article
- Jüdische Einwanderung nach Palästina [Nachricht]
- Date
- 1906-12-01
- Page
- Seite 359 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 359 — zwar zum Teil ganz arme Leute, denen es nicht leicht wird, hier das zum Leben Nötige zu verdienen. Indes wissen sie den Handel je länger, je mehr in ihre Hände zu bringen, und so arm die Leute auch herkommen und sind, so finden sie doch Mittel und Wege, ihr Leben zu fristen. Manche andersgläubigen Elemente werden auf diese Weise verdrängt, und Jerusalem wird je länger, je mehr eine überwiegend jüdische Stadt. Die landwirtschaftliche Kolonie Bir-Sälem. Der Gründer und Leiter des „Syrischen Waisenhauses" bei Jerusalem, einer i. J. 1860 gegründeten deutschen evangelischen Liebesanstalt, G. L. Schneller, trug sich von Anfang an mit dem Gedanken, an seinem Teile dem Lande einen gesunden, leistungsfähigen evangelischen Bauernstand zu schaffen, damit dem Lande äusserlich und innerlich geholfen werde. Bereits 1875 unternahm er zu dem Zweck die erste Untersuchungsreise ins Philisterland, fand auch im Hügelland bei Ramleh ein geeignetes I^ndstück und stellte 1877 bei der türkischen Regierung den Antrag, ihm das Gebiet in Pacht zu geben, um die in seiner Anstalt erzogenen türkischen Untertanen darauf anzusiedeln. Aber die Regierung verhielt sich, trotzdem verödetes Land ihr urbar gemacht und steuerkräftige Untertanen geschaffen werden sollten, völlig ablehnend. Der unermüdliche Schneller Hess jedoch sein Ziel nicht aus dem Auge, er gewann in den achtziger Jahren die Fürsprache des deutschen Kaisers beim Sultan, und nach fünfjährigem Verhandeln und Zögern konnte im Jahre 1899 zwischen dem Syrischen Waisenhause und der türkischen Regierung ein Vertrag geschlossen werden, nach welchem jenes das in Frage stehende Gebiet bei Lydda und Ramleh, ein Stück Land von 9—10 qkm, auf 40 Jähre in Pacht übernahm. Nach 30jährigen Hoffnungen und Bemühungen wurde im Winter 1889/90 auf dem neuen Pachtgut die landwirtschaftliche Kolonie ÄBir-SälemM eröffnet. Eine der wichtigsten Aufgaben war die Bewässerung des dürren Landes. In einer Tiefe von 54 m fand sich treffliches Wasser, ein grosses Pumpwerk mit Petroleummotor führt von dort einen starken Bach täglich durch die drei Täler, die das Gebiet durchziehen. An die Spitze der Siedelung wurde ein württembergischer Landwirt gestellt, der die Zöglinge, die sich dem Ackerbau widmen, in allen Zweigen der Landwirtschaft unterweist. Die wertvollsten Anlagen sind unter den Baumpflanzungen die Orangengärten, für die das nötige Wasser durch Tiefbohrung gewonnen wird, und daneben ausgedehnte Rebenpflanzungen. Der gedeihlichen Entwickelung der Arbeit haben sich aber bisher zwei Schwierigkeiten in den Weg gestellt. Einmal wollen sich nicht recht Zöglinge finden, die nach vollendetem Schulbesuch auf diesem einsamen, zum Teil noch öden Lande sich niederlassen. Die Lust zur Arbeit in den Industriewerkstätten überwiegt bei ihnen die zum Ackerbau bei weitem, da sie bei dem harten Steuerdruck keine Erfolge sehen, oft auch nicht die Mittel haben, das öde Land zu bebauen. So hat der ursprüngliche Plan, den jungen Ansiedlern das aufgeteilte Land als Pacht zu überlassen, noch nicht durchgeführt werden können. Das liegt eben auch mit an der zweiten, der Hauptschwierigkeit. Die Ansiedelung war immer nur Pachtland, nicht Eigentum des Syrischen Waisenhauses. Trotz aller Bemühungen war die Regierung nicht zum Verkauf des Landes zu bewegen, so dass immer die Möglichkeit offen lag, die Regierung werde nach Ablauf der 40jährigen Pachtzeit das Land selbst wieder übernehmen