Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 3 (1906)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1906)
- Article
- Bauernleben im Heiligen Lande
- Date
- 1906-07-01
- Page
- Seite 256 (sequence 2)
- Language
- German
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— 256 — Ueber die Lehrsätze und Bräuche der Drusen konnte Wilson wenig in Erfahrung bringen, da sie ihren isoterischen Charakter sorgfaltig bewahren. Er sieht in ihrer Religion einen Ueberrest des israelitischen Kalbkultus. Die Heiligen haben einen höheren Rang als die Gottheit. Eine christliche Frau verkündete ihren Glauben an den Heiland dadurch, dass sie sagte, sein Beruf wäre es, „am Tage des Gerichts Lügen für mich zu sagen". Die Häuser, in denen die Eingeborenen leben, haben in vielen Teilen kuppeiförmige, aus Stein gebaute Dächer. Die Methode des Bauens ist einfach, wenn auch mühselig. Nachdem die Mauern bis zu einer bestimmten Höhe geführt worden sind, wird Erde hineingeschaufelt und oben bis zu der erforderlichen Krümmung festgestampft, worauf die Steine für das Dach gelegt und untereinander verbunden werden. Wenn der Mörtel fest geworden ist, wird die Erde wieder herausgeschaufelt. Da die JPellachen Asche und Kehricht auf die engen Gassen werfen, hebt sich die Strasse allmählich, bis sie manchmal ebenso hoch wie die Dächer der Häuser liegt. Für das Wasser sind die Leute hauptsächlich auf den Regen angewiesen, der aufs Dach fällt und in Zisternen aufgefangen wird; wenn die Jahreszeit trocken ist, müssen die Familienhäupter den abnehmenden Wasservorrat sorgfältig bewachen,, zu welchem Zweck sie Matratzen über die Oefrhung legen und so nachts schlafen. Charakteristisch für das Dorf leben ist die „sahrah". Wenn ein Fremder den Ort besucht, so kommen die Bewohner einzeln oder zu zweien, grüssen den Schech und seinen Gast und hocken sich nieder, jeder auf seinem Platze. Der Besucher muss dann Neuigkeiten von der Aussenwelt berichten, worauf ihm das Dorfgeschwätz aufgetischt wird. Manchmal hört man dabei seltsame Nachrichten» Bei den christlichen Bauern wird der erstgeborene Sohn nach dem Grossvater väterlicherseits genannt, und seine Eltern werden nun als Vater oder Mutter von So und So bezeichnet. Wenn Räshid also einen Sohn Towfik hat, so heisst er in Zukunft Abu (Vater) Towfik und seine Frau Dschamilch von nun an Imm (Mutter) Towfik. Ein Mann, der heiraten will, muss dem Vater der Braut eine Mitgift geben, die sich nach ihren Leistungen richtet. Ein Mädchen aus El Dschib dem alten Gibeon, kostet 1000—1200 M., da dort eine Art irdener Kochtöpfe angefertigt wird, und zwar meist von den Frauen. Die Männer müssen sich das Geld für die Mitgift und Hochzeit gewöhnlich borgen und bleiben dann für den Rest ihres Lebens verschuldet. Nur wenn ein Mann, der eine unverheiratete Schwester hat, einen ebenso Glücklichen findet, heiraten beide des anderen Schwester, und dann wird keine Mitgift gezahlt. Wenn sich ein Schaf oder eine Ziege von der Herde entfernt und sich einer anderen Herde zugesellt, kann der Eigentümer das Tier und seinen Nachwuchs jederzeit zurückfordern. So bekam ein Mann nach mehreren Jahren ein ihm gehöriges Mutterschaf mit 21 jüngeren Tieren zurück. Ueberhaupt herrschen merkwürdige Besitzverhältnisse. So kann einer ein Stück Land haben, während einem zweiten die Bäume darauf gehören» Eine Stute gehört oft zwei oder mehr Männern, die dann der Reihe nach die Fohlen bekommen. „Ich kaufte einst", erzählt Wilson, „eine halbe Stute von einem Mann und fand dann, dass einem anderen ein Viertel davon gehörte. Ein gemeinsamer Besitz an einem Pferd ist aber ein besonderes Band zwischen den Parteien; „es ist", so erklärte der Mann, „als wenn ich Eure Tochter oder Ihr meine geheiratet hättet!" Diese Scheirrverwandtschaft ist aber für einen Europäer sehr-lästig, und deshalb kaufte ich sobald wie möglich auch den Rest der Anteile." Verantwortlich für den redaktionellen Teil von „Altneuland* Dr. S. Soskin, Berlin. Druck von Pass & Garleb G.m.b.H., Berlin W. 35, Steglitzerstr.il.