Mannheim
Compact Memory

Altneuland · 1906-06-01 · Heft 6 (Juni 1906) · p. Seite 187

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Altneuland
Volume
3 (1906)
Issue
Heft 6 (Juni 1906)
Article
Türkische Zollreform [Nachricht]
Date
1906-06-01
Page
Seite 187 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2266000-2266027-2266034-2268318--1824-2268368
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 187 — Zöllner schätzt die Ware ein. In diesem Verfahren liegt der Krebsschaden des ganzen Vorganges. Die Ware hat laut der Rechnung der liefernden Firma einen Wert von ■ 1000 Francs. Der Zöllner beharrt darauf, diese Ware mit dieser Farbe usw. habe einen Wert von 1800 Francs. Kein Einspruch hilft;, vergebens zeigt der Kaufmann die Rechnungen vor. Der Zöllner diktiert dem Schreiber, er solle den Zoll auf Waren im Werte von 1800 Francs eintragen. Plötzlich hält der Schreiber inne. Der Zöllner hat sich anders besonnen. Seine Denkübung wurde nach einer anderen Richtung gelenkt durch ein Goldstück — auch zwei; der Schreiber hat einen Medschid, 4 Francs, eingesteckt. Der Beamte prüft die Ware noch einmal und sagt: „Die Farbe ist ja doch eine andere als ich meinte. Also schreibe: für Waren im Werte von 500 Francs ....** So kommen Sendungen von vielen Tausenden im Werte herein, von denen die türkische Zollkasse nur einen lächerlichen Betrag erhält, und der Staat wird auf diese Weise jährlich um viele Millionen bestohlen. Die Verwaltung trägt aber selbst die Schuld, da sie ihre Beamten so schlecht oder gar nicht bezahlt. Der Beamte sucht sich daher auf solche betrügerische Weise Einkünfte zu schaffen und tut es gleich gründlich. In der rücksichtslosesten Weise werden diese Erpressungen ausgeführt. Erscheint das Trinkgeld, vielmehr das Bestechungsgeld zu gering, so werden die Waren empörend zugerichtet. Eine Firma erhielt aus Wien eine Sendung Porzellangeschirr. Unglücklicherweise hatte der Packer sämtliche Dinge in alte Zeitungen gewickelt. Der Zöllner, nicht genügend bestochen, Hess die alten Blätter — politische Zeitungen — herunterreissen. Die ganze Sendung kam in Scherben an. Staunenswert ist der vielseitige Gebrauch, den die türkischen Zöllner von dem Befehle machen, scharf nach Dynamit zu forschen. Bulgaren und Armenier werden aufs lästigste untersucht, es geht aber auch anderen nicht besser. Eine grosse Bank liess sich einen Geldschrank kommen. Der Zöllner behauptete, er müsse den Schrank auseinandernehmen. In der Tat liess er die Stahltüre ausheben — und anbohren. Der Schrank wurde übel zugerichtet und blieb unbenutzt stehen, bis die Bank einen auf derartige Arbeiten eingeübten Mann hatte vom Ausland kommen lassen, welcher die Ausbesserung besorgte. Mit der Dynamitfurcht hat auch ein deutscher Verein im letzten Jahre schlimme Erfahrungen gemacht. Ein Satz neuer Kegelkugeln kam an. „Das können Bomben sein**, meinte der Zollbeamte. In der Tat wurden die Kugeln ebenfalls angebohrt. Ich hätte sehr gewünscht, sie wären wirklich Dynamitbomben gewesen, damit die Zolldirektion etwas mehr praktische Eifahrungen über Dynamitbohrung hätte sammeln können. Noch schmerzhafter war — jeder Deutsche wird das nachfühlen — die Dynamitbohrung an sechs Fässern Pilsener Bieres. Obwohl die Fässer die Plombe der Brauerei zeigten, wurde eines ganz aufgedeckt, die anderen angebohrt. Natürlich entwich die Kohlensäure, das Bier war fad und schlecht. Die Entrüstung über eine so blödsinnige Behandlung von Gütern kann man sich denken. Wie Bierfässer, so werden auch Konservenbüchsen geöffnet, der Inhalt verdirbt. Will man dergleichen kommen lassen, so bleibt einem nichts übrig, als sie im Hafen vom Schiffe zu schmuggeln, indem man zu mehreren das Schiff besucht und die Waren in kleinen Päckchen verbirgt und mitnimmt. Es ist kläglich und empörend, denn im Grunde genommen gehen diese dreisten Plackereien nur auf Erpressung hinaus. Die Türkei kann also bei solchen unerhörten Zuständen gar nicht darauf rechnen, dass ihren Kassen die Erhöhung von 3 % etwas einbringen werde; der Zöllner hat ja schon jahrelang ganz nach Willkür weniger oder mehr als 8 °/0 gefordert, oft so unverschämt viel mehr gefordert, dass der Kaufmann die Ware

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.