Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1905)
- Article
- Das Land, das mit Milch und Honig fliesst [Nachricht]
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 224 (sequence 2)
- Language
- German
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— 224 — land und hat es nie sein können. Wenn man im verwüsteten Judäa nach Jes. 7, 21 ff. von Milch und Honig leben wiid, so heisst das eine recht ärmliche Fristung der Existenz durch die Rohprodukte des unbebauten Landes. Auf die heutigen Milchverhältnisse Palästinas kann man aus den exorbitanten Milchpreisen schliessen. Man zahlt im Frühjahr für Kuh- oder Ziegenmilch 64 Pfg. pro Liter, im Herbst bis 128 Pfg.1) Einen Mittelpreis hat man als dauernder Abnehmer. Dabei kauft man nicht von Händlern, sondern von den Milchproduzenten selbst, gleichviel ob Bauern oder Städtern. Da in Deutschland der Liter 13—16 Pfg. kostet, bedeutet das Obige vier- bis achtfache Preise für Palästina. Unerlaubt ist hier die von L. Bauer, Volksleben im Lande der Bibel, 157 vertretene Hilfsannahme, dass die Verhältnisse in Palästina ehedem ganz andere gewesen seien, da es sich nicht um seine Bebauung, sondern um seine durch das Klima bedingten BewässerungsVerhältnisse handelt. Das Land mit seiner fünfmonatlichen Trockenzeit ist notwendig stets vegetations- und wasserarm gewresen wenigstens nach unseren deutschen Begriffen. — Ich habe mir den pierophorischen Ausdruck der Bibel früher dadurch verständlich gemacht, dass ich annahm, er sei vom Standpunkt des Wüstenbewohners aus gesprochen. Aber man kommt auch damit nicht ganz ans Ziel, weil er offenbar eine in Palästina gangbare Redensart war. Eine feststehende Tatsache, die man auch aus Hohesl. 5, 1 belegen kann, ist es, dass der Palästiner Milch, besonders gesäuerte, und starke Süssigkeiten, wofür vor der Zeit des Zuckers allein der Honig eine Rolle spielte, ausserordentlich liebt. Palästina wird offenbar als ein Land höchster Gaumengenüsse bezeichnet. Es ist nur schlimm, dass Milch und Honig darin so spärlich fliessen* In meiner Verlegenheit fragte ich einmal einen durch keine Schule gegangenen, der gr.iechisch.en Kirche angehörenden arabischen Bauern, der auf eigene Hand lesen gelernt hat, wie er denn diese ihm bekannte biblische Phrase verstehe. Er sagte: „sie bedeutet, dass alle Produkte des Landes — Getreide wie Früchte — süss und wohlschmeckend sind, wie Milch und Honig." Ich glaube, mein Freund Chalil hat hier wie sonst oft ganz das Richtige getroffen. Was das Land hervorbringt, ist von der Art, dass man sagen kann, Palästina lässt Milch und Honig „ausfliessen". So nämlich ist der hebräische Ausdruck (zäbat) zu verstehen. Die Uebersetzung: das von Milch und Honig „überfliesst" (so Buhl im Wörterbuch und Kautzsch in der Uebersetzung) ist ebenso ungenau wie Luthers: „das mit Milch und Honig fliesst"2), wobei man stets an rieselnde Bäche denkt, die es hier kaum für Wasser gibt, geschweige für Milch und Honig. zäb heisst „fliessen, fliessen lassen, einen Ausfluss haben, zerfliessen", aber nicht „überfliessen", oder „strömen". Demgemäss liegt im biblischen Ausdruck der Nachdruck nicht auf dem Fliessen, sondern auf dem, was geflossen kommt. Er besagt: Brot und Oel Palästinas ist nicht wie Brot und Oel anderer Länder, es ist wTie Milch und Honig oder, wie die Griechen etwa sich ausgedrückt hätten, wie Ambrosia und Nektar. J) Diese Angabe beruht entschieden auf einem Missverständnis. Man zahlt in Jaffa und Jerusalem durchschnittlich 0,5 Pi. für die Unze etwa 250 gr Milch. Demnach kostet der Liter 2 Pi. 26 Pfennige. Im übrigen Lande ist die Milch noch hilliger. Der vom Verf. angeführte Preis würde wohl dem für 1 Rottol entsprechen, d. h. für 3 Liter. D. Red. 2) So Ezech. 20, 6, 15. Sonst „darinnen Milch und Honig fliesst", z. B. 2. Mos. 3, 8,17, G. Verantwortlich für den redaktionellen Teil von „Altneuland" Dr. S. Soskin, Berlin. Druck von Pass & Garleb G.m.b.H., Berlin W. 35, Steglitzerstr.il.