Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und das Judenthum
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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vr. Jakob Auerbach, Moses Mendelssohn und das Judenthum. 19 -s> 7. Eine zweite Frage, die Frage der Religionsverschiedenheiten, trat in der Gestalt eines Bekehrungsversuchs an Mendelssohn heran und wurde für ihn zu einer ganz persönlichen. Es war ein Eingriff in sein innerstes Leben, erregte aber auch die Theilnahme und Mißbilligung aller freidenkenden Geister, als Lavater ihm im Jahre 1769 die ihm zugeeignete Übersetzung einer Schrift Bonnets: „Untersuchung der Beweise für das Christenthum" mit der öffentlichen Aufforderung zusandte, sie „zu widerlegen, oder, wenn er die Beweise richtig finde, zu thun, was Klugheit, Wahrheitsliebe und Redlichkeit zu thun gebieten — was Sokrates gethan hätte, wenn er diese Schrift gelesen und unwiderleglich gefunden hätte". In früheren Zeiten geschah es, daß Juden zu einem Religionsgespräche gezwungen wurden, in welchem sie die von christlichen Geistlichen geltend gemachten Beweise aus Stellen des A. T. für die Wahrheit des Christenthums anerkennen oder widerlegen sollten. Man kann sich denken, in welche schwierige und peinliche Lage sie dadurch versetzt wurden, da hinter ihnen die herrschende Gewalt mit Feuer und Schwert und der Ansturm des Pöbels drohte, der durch ein einziges unvorsichtiges oder auch nur mißdeutetes Wort erregt werden konnte. Zu Mendelssohns Zeiten konnten derartige Veranstaltungen nicht mehr stattfinden. Die Grundsätze der Humanität waren auch bereits so allgemein durchgedrungen, daß man wenigstens „Duldung" abweichender religiöser Überzeugungen als selbstverständlich betrachtete. Lag in dem damals hinsichtlich der Juden gebräuchlichen Ausdrucke „Toleranz" für sie auch immer noch eine geringschätzende Voraussetzung, so war damit doch auch stillschweigend der Anspruch aus eine alleinseligmachende Religion zurückgetreten. Nichtsdestoweniger mußte Mendelssohn durch die Aufforderung Lavaters — eigentlich eine öffentliche Herausforderung zu einer Art von Kampf oder Abbitte der einen Religion gegen die andere — schmerzlich berührt werden. Nicht am wenigsten mußte ihn dabei verletzen, daß Lavater nicht unterlassen hatte, auch auf das Gebot der Klugheit, das heißt also auf die durch den Übertritt zu gewinnenden Vortheile hinzudeuten. In seinem Antwortschreiben erklärte er denn auch im voraus: Ich werde aufgefordert, die Schrift Bonnets zu widerlegen oder „die Religion meiner Väter zu verlassen, und mich zu derjenigen zu bekennen, die Herr Bonnet vertheidiget. Denn sicherlich, wenn ich auch sonst kriechend genug dächte, die Klugheit der Wahrheitsliebe und Redlichkeit das Gewicht halten zu lassen, so würde ich sie doch hier in diesem Falle alle drei in derselben Schale antreffen." Der unter der Regierung Friedrichs des Großen herrschende freie Geist in allen Religionsangelegenheiten hätte ihm zwar gestattet, auf die vom Judenthum bestrittenen christlichen Dogmen einzugehen; er beschränkte sich aber auf die Erklärung, daß die Beweise Bonnets am wenigsten geeignet wären, ihn in seinen, durch frühzeitige und sorgfältige Prüfung bestätigten Überzeugungen, mit denen er dem Judenthume angehöre, irgendwie wankend 2*