Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und das Judenthum
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 vr. Jakob Auerbach, Moses Mendelssohn und das Judenthum. weit entferntes Ziel der Menschheit, und welche Ehre für das deutsche Volk, daß der Weg zu diesem Ziele von ihm aus angebahnt wurde! Mit Begeisterung folgte Mendelssohn dem Rufe seiner Zeit, vor allem, indem er an seiner eigenen Bildung arbeitete, und als ihm dann L es sing begegnete und ihm die Hand reichte, wie fühlte er sich da ermuthigt und beglückt! Er ging seinen Religionsgenossen als Vorbild edler, mit seiner Religion vereinter Bildung voran und übte auf sie eine tiefeingreifende Wirkung, die auch in ihrer Mitte ein neues, sich immer mehr verbreitendes und entwickelndes Leben anfachte. Die Leibniz-Wolffische Philosophie zog ihn an und befriedigte ihn, weil sie mit seinen religiösen Anschauungen übereinstimmte; er nahm aber — nachdem ein Versuch mit einer hebräischen Zeitschrift mißlungen war — auch bei Verhandlungen über jüdische Angelegenheiten vorherrschend seinen Standpunkt in der allgemeinen Zeitbewegung und war dabei von deutschem Nationalgefühl erfüllt, so warm als die gleichstrebenden Bevorrechteten. In seiner ersten Schrift, in den philosophischen „Gesprächen", mit deren Veröffentlichung ihn Lessing überraschte und ihm seine Stellung in der deutschen Literatur anwies, lesen wir die von deutschem Nationalstolz zeugenden tadelnden Worte: „Werden denn die Deutschen niemals ihren Werth erkennen? Wollen sie ewig ihr Gold für das Flittergold ihrer Nachbarn vertauschen?" ^) Daß die Juden, aller Bedrückung ungeachtet, immer und überall von Liebe zu dem Lande erfüllt waren, wo sie nur einen Wohnsitz gefunden hatten — dieses wird niemand auffallend finden, der das menschliche Herz mit seinen zarten, den heimatlichen Boden umfassenden und heiligenden Empfindungen kennt. Freudige Gefühle mußten Mendelssohn ergreifen, als er die volle Bedeutung der im Vaterlande herrschenden Bestrebungen erkannte, welche auf eine aus der Tiefe des deutschen Volksgeistes entspringende Bildung gerichtet waren, auf eine echt deutsche Wissenschaft und Kunst, vor allem aus eine schöne Literatur in der damals vielfach geringgeschätzten, aber herrlichen und nur der Neubelebung bedürftigen deutschen Sprache. Und so wurde er ein deutscher Schriftsteller, der zur Ausbildung der deutschen Sprache und zur Veredlung des Geschmacks in der in ihrem Bildungsprozesse begriffenen neuen deutschen Literatur beitrug. „Mendelssohn, Garve, traten auf und erregten allgemeine Theilnahme und Bewunderung". Diese wenigen Worte Goethes^), mit denen er die Wirkung der in seinen Jugendjahren erschienenen philosophischen Schriften bezeichnet, dienen zu einem Ruhme Mendelssohns, den ihm keine von Gehässigkeit gegen alles Jüdische eingegebene Beurtheilung streitig machen kann.!) Schr. I, 204. 2) Die Erwartung, daß Gott einst die Bedrückten durch große Wundertaten erlösen, sie nach Palästina zurückführen und den zerstörten Tempel wieder herstellen werde, war stets rein idealer Art, ein trostreiches Zukunftsbild, das die Gegenwart und das praktische Leben kaum berührte. -) W. (Ausg. v. 1840) XXI, 76.