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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1887-01-01 · Heft 1 · p. Seite 11

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1887
Issue
Heft 1
Article
Moses Mendelssohn und das Judenthum
Date
1887-01-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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vr. Jakob Auerbach, Moses Mendelssohn und das Iudenthum. 11 beschuldigte. In diesem Vorwurfe sprach sich das Schuldbewußtsein aus, daß man solchen Haß reichlich gesät hatte; solcher Same hätte aber in der Gesammtheit der Unterdrückten nur aufgehen können, wenn die Armen an eine Erhebung gegen ihre Unterdrücker und einen Kampf auf Leben und Tod gegen sie, wie er zwischen Volk und Volk so oft entbrannt ist, auch nur entfernt hätten denken können. Wohl schrien sie in Zeiten der grausamsten Verfolgungen zu Gott, daß er „das vergossene unschuldige Blut seiner Knechte" rächen möge, und wohl mußte der Zorn der Gemarterten ihrem Jammer gleichen; ihr Ruf zu Gott war aber nur ein Ruf um Vergeltung gegen die Übermächtigen und Übermüthigen, ein Schmerzensschrei um Gerechtigkeit und Erbarmen. Ihr Gottvertrauen bewahrte sie vor Menschenhaß; sie betrachteten ihre unsäglichen Leiden als Strafe ihrer Sünden, als Schickung Gottes, der ihnen auch die einstige Erlösung verheißen hatte, und es zeichnet die Geschichte des israelitischen Volks von der biblischen Zeit an aus, daß es sich die erduldeten Leiden zuletzt beinahe immer zu seiner Läuterung dienen ließ. Wie Nicolai berichtet, erlangte Mendelssohn durch Reinbecks ihm zufällig in die Hand gekommene „Betrachtungen über die Augsburgische Confession" die erste Kenntniß von den Grundgedanken und der Hauptrichtung der neuen deutschen Philosophie. „Er fand sich hier mit einem Male in einer ganz andern Welt; denn bis dahin hatte er nicht den geringsten Begriff von der Theologie der Christen oder einer Philosophie, die neuer wäre als die des Maimonides. Daher zog ihn der philosophische Theil von Reinbecks Betrachtungen, z. B. die Beweise von der Existenz Gottes, mit unaufhaltsamer Gewalt an sich." ') Wurde er durch dieses Buch zum Studium der neuen Philosophie hingezogen, vor allem zur Befestigung seiner religiösen Überzeugungen, dann aber auch gewiß schon mit dem Gefühle selbstbewußter Kraft, daß er dieses Gebiet einst mit Erfolg zu bearbeiten vermöchte, so hat dasselbe ihn Wohl auch zuerst zum Nachdenken über das Christenthum angeregt. Und da war es ja ebenfalls die Vernunftreligion, die als das Wesentliche der positiven Religion hervorgehoben wurde. Schon hatte der Zeitgeist, der auch bereits einzelne Juden, wie Dr. Gumperz u. A., in nähere Beziehung zu bedeutenden christlichen Gelehrten gebracht hatte, eine freie, alle Vorurtheile als die verderblichsten Feinde der Menschheit bekämpfende Geistesrichtung hervorgerufen. Man suchte im Christenthum nicht sowohl die trennenden kirchlichen Glaubenssätze, als vielmehr die allgemeinen Vernunftwahrheiten zur Geltung zu bringen. Der Geist der Humanität, vor der alle Menschen und alle redlichen Überzeugungen, trotz aller Unterschiede und Gegensätze, gleichberechtigt sind, äußerte seine Wirkung innerhalb der Religion selbst, in deren Namen die Juden bedrückt wurden, und das war der Beginn einer hoffnungsreichen Zeit, für welche auch das Judenthum seinerseits sich bereit halten mußte. Welch schöne und lohnende Aufgabe für jeden nach allgemeiner Bildung strebenden Juden, welch herrliches, wenn auch gar ') Schr. V, 206.

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