Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und das Judenthum
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 vr. Jakob Auerbach, Moses Mendelssohn und das Iudenthum. derjenigen, die durch vernunftmäßige Auffassung und durch eine Volksaufklärung, welche die allgemein anerkannten religiösen Lehren als die wesentlichen hervorhob, auf dem geschichtlich gegebenen Boden der positiven Religion selbst das Ziel der Humanität erstrebten und höchst einflußreich wirkten. Auf Grundlage der Leibniz-Wolffischen Philosophie verbreitete sich eine Ausklärung, die der deutschen Gründlichkeit und dem tiefreligiösen Zuge des deutschen Volksgeistes entsprach. Mendelssohn, ein recht eigentlich auf das Positive gerichteter Geist, hätte sich nie einer Richtung anschließen können, welche gegen die bestehenden Religionen an und für sich gekehrt war. Vor allem behauptete er seinen unerschütterlich festen Standpunkt in der väterlichen Religion, und wie die Hauptlehren des Judenthums ihm die allgemeinen Lehren der menschlichen Vernunft waren, so fand auch sein Gemüth in ihm die volle Befriedigung. Es war nicht, wie man ihn beschuldigte, bloße Anbequemung, daß er die Vorschriften des talmudisch-biblischen Gesetzes beobachtete, sondern beruhte auf seiner Auffassung des JudenLhums, das er in seiner Besonderheit als positiven Träger der allgemeinen Vernunftreligion betrachtete. Was zunächst ein Bedürfniß seines Herzens war, hat er dann später auch nach dieser Seite hin vernunftmäßig begründet und dargelegt. Durch diese Stellung im Judenthum hat er auch unter seinen Religionsgenossen das große und allgemeine Ansehen erlangt, das seine Einwirkung auf sie ermöglichte; dieses war aber, wenn er auch nach seiner Geistesart stets besonnen und schonend vorging, nicht das Werk Kuger Berechnung, sondern die unmittelbare Wirkung seiner in sich einigen, in Wort und That vollkommen übereinstimmenden Persönlichkeit. Die äußerst spärlichen Nachrichten, die wir über die Jugend Mendelssohns besitzen, gestatten uns in mehrfacher Hinsicht nicht einmal Vermuthungen über die ersten Keime seiner Geistesentwicklung So auch wissen wir nicht, ob und in welcher Weise er als Knabe mit christlichen Kindern oder Erwachsenen zusammen gekommen und welche Eindrücke er da empfangen hat Wir dürfen aber sicher annehmen, daß er niemals Haß gegen die Christen empfunden hat. Denn es war — von seinem nur zur Liebe geneigten Gemüthe ganz abgesehen — eines der schlimmsten Vorurtheile gegen die Juden, wenn man sie des Hasses gegen die Christen H Hätte Mendelssohn in früheren, nicht von der Geschichte erhellten Zeiten gelebt, so würde die Sage ihn wohl durch wunderbare Erzählungen verherrlicht haben; in seiner Zeit, der Zeit der Ausklärung, hat man sein Leben mindestens anekdotenhaft ausgeschmückt und namentlich allerlei Witzreden auf ihn übertragen. Derartige, nicht durchaus geschmackvolle Anekdoten sollten in neueren Schriften nicht ohne strenge Prüfung ihrer Ächtheit wiederholt werden. Auch die rhetorisch ausgeschmückte Erzählung S. Sterns über die Ankunft des jungen Mendelssohn in Berlin, die nur zur Schilderung der damaligen Verhältnisse dienen sollte, hätte nicht verdient, von Kays erling und Gr ätz in die Geschichte aufgenommen zu werden. Berthold Auerbachs kleine Erzählung: „Wie der Weltweise Moses Mendelssohn seine Frau gewann", beruht auf einer keineswegs beglaubigten Anekdote, die er, wenn ich nicht irre, in Frankfurt a. M. gehört hat, und wurde von ihm als ansprechende Einkleidung eines schönen Gedankens benutzt. 2) Es fehlt noch, soviel ich weiß, eine Darstellung des Verhältnisses, das zu Dessau in der Jugendzeit Mendelssohns zwischen Juden nnd Christen bestand.