Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und das Judenthum
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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vr. Jakob Auerbach, Moses Mendelssohn und das Judenthum. 9 Mendelssohn und Lessing betrachteten nicht das physische, sondern das sittliche Übel als das wesentliche. Nach ihrer edlen Lebensansicht soll der Mensch sich im Geiste umsomehr erheben und seinen Glauben an die Menschheit umsomehr durch gute Handlungen bethätigen, je größer das Unglück ist, das er zu tragen hat, und je mehr die Mitmenschen selbst ihm Böses zufügen. Ist es auch dem beschränkten menschlichen Verstände nicht möglich, das unverschuldete Unglück so vieler Menschen zu erklären und alle Räthsel des Daseins zu lösen, so darf dieses doch den Glauben an eine weise und gütige Weltordnung nicht erschüttern. In diesem Sinne hat Mendelssohn den „Nathan" Lessings einen „Anti-Candide" genannt. In der erwähnten Schrift über die Vorsehung heißt es mit Bezug auf diese Weltbetrachtung (§59): „Wer von dieser Höhe auf das Schicksal der Menschen herabschaut, wer von dieser wolkenfreien Atmosphäre Tugend und Laster, Glück und Unglück in ihren wechselseitigen Kämpfen und Umwälzungen betrachtet, und das große Schauspiel in der unabsehbaren Reihe der Zukunft verfolgt, der wird hier anbeten und nicht murren. Träfe ihn auch das Schicksal noch so hart, so wird er gegen die Vorsehung nicht murren, sondern mit inniger kindlicher Ergebung sein ganzes Leben hindurch anbeten und Wohlthun." Es ist dies wohl ein Nachklang jener ergreifenden Worte, mit denen Nathan dem Klosterbruder erzählt, wie er sich aus dem tiefsten Schmerze erhoben hat: Als Ihr kamt, hatt' ich drei Tag' und Rächt' in Asch' Und Staub vor Gott gelegen, und geweint. — Geweint Beiher mit Gott auch wohl gerechtet, Gezürnt, getobt, mich und die Welt verwünscht; Der Christenheit den unversöhnlichsten Haß zugeschworen. — Doch nun kam die Vernunft allmählich wieder. S'.s sprach mit softer Stimm': „und doch ist Gott! Doch war auch Gottes Rathschluß das! Wohlan! Komm! übe, was du längst begriffen hast; Was sicherlich zu üben schwerer nicht, Als zu begreisen ist, wenn du nur willst. Steh auf!" — Ich stand! und rief zu Gott: ich will! Willst du nur, daß ich will! 4. Der Bildungsprozeß des neuen deutschen Geisteslebens in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ging von religiösem Grunde aus. Es war die sogenannte natürliche Religion oder Vernunftreligion, zu der sich die freidenkenden Geister bekannten, und zwar mit besonderm Nachdruck auch der hauptsächlich von französischen Schriftstellern ausgehenden materialistischen und atheistischen Richtung gegenüber. Sie schieden sich in solche, die sich von der positiven Religion ganz lossagten und als „Deisten" verschrien waren, und in die überwiegende Mehrzahl