Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und das Judenthum
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 vr. Jakob Auerbach, Moses Mendelssohn und das Iudenthum. lernte Mendelssohn noch persönlich kennen und schrieb ihm über den „Phädon." Mendelssohn suchte und fand in der Leibniz'schen Philosophie die vernunftmäßige Begründung der Religion. Sein harmonischer Sinn, der überall Ordnung, Ebenmaß und Übereinstimmung suchte, fand seine Befriedigung in einer Metaphysik, welche in allem Dasein, von seinem tiefsten Grunde aus bis zur unendlichen Höhe, die vollkommenste Harmonie erblicken ließ. Was ihn dabei am meisten anzog und beglückte, war die erhebende, zur Tugend und zu edlem Wirken ermuthigende Weltanschauung, die Leibniz als Ergebniß seiner ganzen Philosophie in der „Theodicee" darlegte und begründete. Hier traf das philosophische System ganz mit der Grundlehre des Judenthums zusammen, wie er sie in frühester Jugend, als sein Vater ihn das erste Blatt der Bibel übersetzen lehrte, in sich aufgenommen hatte. Jedes Wesen in seiner Art ist gut, der Mensch, das vorzüglichste aller irdischen Geschöpfe, ist zum Streben nach sittlicher Vervollkommnung bestimmt. Nicht die Macht eines grundbösen Wesens waltet in der Welt, die physischen und sittlichen Übel hängen einerseits mit der allgemeinen Naturerdnung, andrerseits mit der Beschränktheit des Menschen zusammen. Gott läßt diese Übel zu, weil Welt und Menschen, wie sie nun einmal werden sollten, ohne sie nicht möglich wären; sie sollen aber ebenfalls zum Guten und zur Glückseligkeit des Menschen dienen. Die Sünde ist Jrrthum, die Leiden sollen den Menschen läutern und erheben, ^die unsterbliche Seele soll durch sie vervollkommnet werden, und so ist diese "Welt die beste und vollkommenste, die der Schöpfer ins Dasein rufen konnte, wenn er Menschen, aber nicht Götter auf diese de setzen wellte. In dieser Weise hat Mendelssohn den Optimismus aufgefaßt und in Übereinstimmung mit seinen religiösen Überzeugungen als Jude in sich ausgebildet. In dem Bruchstücke seiner 1784 begonnenen Schrift: „Sache Gottes oder die gerettete Vorsehung", welche für seine Religionsgenossen bestimmt war 2), heißt es (§49): „Die Lehre, wß alle Theile der Zchöpfung vollkommen, das Ganze aber das Allervollkommenste. sei, finden wir in der Schrift mit ausdrücklichen Worten angedeutet: Und Gott sah Alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut."^) Ebenso, wie in dieser Schrift, die man eine Theodicee vom Standpunkte des Judenthums nennen kann, faßte Mendelssohn die Hauptpunkte der optimistischen Weltanschauung in seinem hebräischen Kommentar zu der betreffenden Stelle zusammen. 2) Ich nehme an, daß Mendelssohns Brief „an einen Unbekannten" (Schr. V, 446) an Raphael gerichtet war; die Vertrautheit des Empfängers mit der Mathematik und der Leibniz'schen Philosophie, sowie der Umstand, daß der Brief sich in Hannover vorgefunden hat, kann als sicheres Anzeichen dafür gelten. 2) Schr. II, 414 ff. Daß die Schrift einen speziell jüdisch-religiösen Zweck hat, erhellt aus mehreren Z§. 3) Störend ist, daß Mendelssohn in der Anmerkung zu dem von ihm im Grundtexte angeführten Bibelverse die betreffenden Worte als wirklichen Superlativ zu erklären und damit zu der Lehre von der „besten Welt" zu gelangen sucht.