Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und das Judenthum
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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vr. Jakob Auerbach, Moses Mendelssohn und das Iudenthum. 7 von epochemachenden philosophischen Systemen, die weit weniger als ausgezeichnete poetische und künstlerische Werke ihren ursprünglichen und unmittelbaren Werth auch in viel späteren Zeiten bewahren können. Ihr Geist ist nicht in die Sprache der Schule gebannt, sondern verbreitet sich über andere Wissenschaften, ruft neue Forschungen hervor, dringt zuletzt ins praktische Leben ein und wirkt umgestaltend auf die verschiedensten Verhältnisse. Mag auch das System sich dann als unzulänglich erweisen, der Menschheit bleibt ein Gewinn, der ihr nimmer verloren gehen kann, weil sie den — wenn auch nur einseitigen — Fortschritt der Erkenntniß in ihre Entwicklung aufgenommen hat. Aristoteles hat durch Maimonides auf die jüdische Religionsphilosophie eingewirkt. Und so hat Leibniz, den man oft mit ihm verglichen hat, durch Moses Mendelssohn eine ganz neue und höchst folgenreiche Wendung in der äußern und innern Geschichte des Judenthums hervorgerufen. Leibniz, der von warmen religiösen Gefühlen erfüllt war und geleitet wurde, suchte „die kirchliche Lehre mit der Vernunft zu versöhnen und vor ihr zu rechtfertigen", stand aber „den konfessionellen und theologischen Gegensätzen mit einer Geistesfreiheit und Weitherzigkeit gegenüber, welche die unduldsame Rechtgläubigkeit seiner Zeit ihm nicht verzeihen konnte. Als er beerdigt wurde, folgte kein Geistlicher seinem Sarge.....Weder die Stadt, deren Zierde, noch die Akademie, deren Stifter und Vorstand er gewesen war, gab dem Gefühl einen Ausdruck, daß Deutschland iu ihm seine erste wissenschaftliche Größe verloren habe." ^) Wie wir aus dem bekannten Gedichte von I. H. Voß erfahren, kam ein Fremder nach Hannover und' wollte das Grab des großen Leibniz besuchen; aber vergeblich fragte er überall danach, bis zuletzt ein Jude kam, der es ihm zeigen konnte: Zuletzt erscheint der Mann, Der seines Lehrers Sarg Einsam um Mitternacht begleitet, — Ein alter Jude war's — und leitet Ihn zu der öden Gruft, Die Dich, o Leibniz, barg! Der Name dieses Juden ist uns bekannt; es ist nicht zu bezweifeln, daß es der Mathematiker Raphael Levi war, „der seines Lehrers Sarg einsam um Mitternacht begleitet", und dem dessen Grab eine Stätte dankbarer Verehrung und Erinnerung blieb. Leibniz, der ihn seiner Freundschaft würdigte und ihm sein Bild zum Andenken gab 2), war der hellstrahlende Lichtpunkt seines Lebens. Man kann dieses gewissermaßen als Vorbedeutung für den größern jüdischen Schüler betrachten, den Leibniz nach seinem Tode in Mendelssohn fand, und der mit gleicher Dankbarkeit zu ihm emporblickte. Raphael, der 1779 zu Hannover starb, Zeller, Gesch. d. deutsch. Philosophie seit Leibniz S. 73. —Die Religion betreffend, verdient bemerkt zu werden, daß Leibniz nach seinem großartigen humanen Sinn ein Gebet versaßte, das „nicht nur jeder Christ, sondern auch jeder Jude und jeder Muhamedaner" sollte beten können. 2) Guhrauer, Leibniz II, 369.