Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und das Judenthum
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2259275-2259313-2259315-2263057--0011-2263076- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4 vr. Jakob Auerbach, Moses Mendelssohn und das Judenthum. ethisch-religiöser ist. Ein Jude, der einigermaßen seine Bibel kennt, muß immer von neuem erstaunen, wenn Stellen und Grundgedanken derselben als ausschließliches Eigenthum des Christenthums in Anspruch genommen werden, und es ist einer der seltsamsten Widersprüche, wenn man das Judenthum mißachtet und doch Psalmen betet. Auch die nachbiblische jüdische Literatur zeugt von ununterbrochener Geistesarbeit und einem überall aus sittliche Veredelung gerichteten Streben. Sinnige agadische Deutungen, Sagen, Parabeln, Gleichnisse und Sprüche drangen durch mündliche Belehrung und durch Volksschriften in das Leben ein. Den Anfeindungen gegenüber, die von jeher mit einzelnen Stellen aus jüdischen Schriften begründet wurden, kann man einfach darauf hinweisen, daß die strenggläubigsten jüdischen Volkslehrer, so ungebildet sie auch sein mochten, den christlichen Geistlichen ihrer Zeit an menschlichen Tugenden nicht nachstanden. Was insbesondere die philosophische Forschung betrifft, zu der Mendelssohn sich angetrieben fühlte, so hat sie sich im Judenthum auch neben der auf die Gesetzeskunde beschränkten talmudischen Gelehrsamkeit behauptet. In vorchristlicher Zeit, nachdem die Juden unter griechische Herrschaft gekommen waren, rief bekanntlich die platonische Philosophie eine Richtung im Judenthum hervor, die nachher bei der Entwicklung des Christenthums zur Weltreligion mitwirkte. Einige der alten Gesetzeslehrer wagten sich mit kühnem Geiste in das Gebiet der höchsten und schwierigsten philosophischen Probleme, und man rühmte denjenigen, der ungeschädigt aus diesem herrlichen, aber von gefahrdrohenden Irrwegen durchkreuzten „Garten" herausgekommen war. Im Mittelalter, unter arabischer Herrschaft, erreichte die religionsphilosophische Literatur, neben der Bearbeitung der hebräischen Grammatik, Lexikographie und biblischen Exegese, einen bewunderungswürdigen Höhepunkt. Im Kulturleben ihrer Zeit stehend, schrieben jüdische Gelehrte und Forscher ihre theologischen Werke in arabischer Sprache, während andrerseits arabische Werke durch jüdische Übersetzer der abendländischen Welt übermittelt wurden. Jüdische Dichter, wie Salomen b. Gabirol, Inda Ha-Levi, Aben Esra schufen eine neuhebräische Poesie voll tiefer Gedanken und warmer Gefühle. Eine ins Lateinische übersetzte philosophische Schrift Salomen b. Gabirols wurde von den Scholastikern vielfach benützt. Die arabisch-aristotelische Philosophie fand ihre selbständige Bearbeitung und ihre Anwendung auf das Judenthum in dem erwähnten klassischen, ursprünglich arabisch geschriebenen und bald ins Hebräische übersetzten Werke des Maimonides. Wurde auch dieses Werk eines hervorragenden Geistes, der auch in allen religionsgesetzlichen Fragen als eine der größten Autoritäten gilt, von Gegnern der freien Forschung heftig bekämpft und mit dem Bann belegt, so konnte dasselbe doch nicht unterdrückt werden. Der „Führer der Verirrten" und andere religionsphilosophische Werke, deren Hauptzweck doch die Lösung religiöser Zweifel und die Vertheidigung des Judenthums war, nahmen ihre Stelle in jeder größern hebräischen Büchersammlung ein, wurden auch von einzelnen Talmudgelehrten studirt und zuweilen auch einem Schüler in die Hand gegeben. Das Verlangen nach vernunftmäßiger Begründung der Religion ist auch in den finstersten Zeiten des Judenthums rege geblieben.