Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und das Judenthum
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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vr. Jakob Auerbach, Moses Mendelssohn und das Judenthum. 3 ist." Der Geist des großen Leibniz selbst war es aber, der ihn auf dem Wege der philosophischen Spekulation über die steilsten Höhen hinweg und an den tiefsten Abgründen vorüber leitete und ihm auch auf geebnetem Pfade voranleuchtete; der, indem er seine Vernunft aufklärte, zugleich sein Herz befriedigte; der ihm die innere Freudigkeit bewahrte, die Welt und das Leben verklärte und sein tiefinnerstes Wesen zur freien und fruchtreichen Entfaltung brachte. Mit seinem Freunde Abbt in jene Untersuchungen über die höhere Bestimmung des Menschen vertieft, aus denen nachher sein „Phädon" hervorgegangen ist, ruft er dem Freunde gegenüber, der den Schatten Bayles beschworen und dessen Zweifel geltend gemacht hatte, Leibniz an: „O Geist des großen Leibniz! der du die Zweifel des Vielschreibers und die Gespenster seiner Foliobogen durch unansehnliche Oktavseiten, wie die Morgensonne die Schatten, zerstiebest; ich fühle das Säuseln deiner Gegenwart! Komm, führe uns in den Saal des ewigen Schicksals."') Und derartige Stellen in den Schriften Mendelssohns sind nicht bloße rhetorische Wendungen; wenn er hier — allerdings als Erwiderung auf die Worte Abbts — seinen Führer Leibniz anruft, so ist dies der Ausdruck seiner ganzen Lebensanschauung und Empfindung. -§> 2. „Ich schlafe, aber mein Herz ist wach." Diese Worte des Hohenlieds hat man nach allegorischer Deutung passend auf das Judenthum in der Zeit der Zerstreuung und seiner scheinbaren Erstarrung angewandt. Man betrachtete und betrachtet theilweise heute noch das alte Judenthum als einen verknöcherten, bloß äußerlichen Formendienst; aber unter dem Formendienst waren reiche Lebenskräfte und Bildungselemente verborgen, die den Geist wach erhielten und die Gesammtheit auch unter der schwersten Bedrückung vor völliger Erniedrigung und innerem Zerfalle bewahrten. Die Männer, die, ohne ihre religiöse Überzeugung zu verleugnen, aus der Abgeschlossenheit des Judenthums heraustraten, waren durch eine nicht zu unterschätzende ererbte Bildung zur würdigen Betheiligung an dem allgemeinen Kulturleben vorbereitet. Das innige und reine Familienleben der Juden und ihren Wohlthätigkeitssinn konnten auch die Feinde nicht in Abrede stellen.2) Wenn Mendelssohn schon frühzeitig den Wertlaut der hebräischen Bibel im Gedächtnisse hatte, so hatte er sich eine zwar einseitige, aber tiefe Geistes- und Herzensbildung angeeignet. Indem die Bibelforschung, seitdem wir Herders tief eindringendes Werk: „Vom Geist der ebräischen Poesie" besitzen, das altbiblische Schriftthum mit Recht als Nationalliteratur betrachtet, wird von ihr anerkannt, daß der Grundtrieb des israelitischen Volks ein ') Schr. V, 309. Vgl. V, 288. 2) Wie das Familienleben der Juden sie vor Verwilderung bewahrt hat, habe ich an anderm Orte („Lessing und Mendelssohn." Erster Abschnitt. Schulprogr. Franks, a. M. 1867) dargelegt und ist überhaupt oft genug hervorgehoben worden. Obgleich es nicht an Werken fehlt, die über die innere Geschichte des Judenthums belehren, ist es doch in unserer Zeit noch nicht überflüssig, an einzelne Momente derselben zu erinnern. — Die Lebensgeschichte Mendelssohns betreffend, beziehe ich mich im Allgemeinen auf Kayserling, M. Mendelssohn, Leipzig 1862. 1*