Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 253 (sequence 2)
- Language
- German
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Literatur vereinigten Abhandlungen, die vorher in Festschriften erschienen waren, sprechen von den „Reichsrabbinern" des 15. und 16. Jahrhunderts in Worms: Anselm, Samuel und Jakob. Diese Reichsrabbiner — „Judische Meister, die die Judischeit ire rabbi nennet" — hatten für die Einbringung der Reichseinkünfte von der Judenschaft zu sorgen, gegebenenfalls durch Richtspruch und Bann ihren Einfluß geltend zu machen. Im Anfang des 15. Jahrhunderts ist von drei „Meistern" über die Juden die Rede: Nathan in Eger, Jakob in Mainz (Meharil) und Jochanan in Cambrai. Dagegen wird 1435, aufgrund einer Vollmacht von 1434 „Anßhelm von Com, rabi, gesessen zu Würmß" als alleiniger Reichsrabbiner genannt. Aus Köln stammend, war er zuerst Rabbiner in Regensburg und zugleich Richter über alle Juden Niederbayerns mit der Amtsbezeichnung „Amtmann". Später ist er noch einmal in Regensburg an der Spitze einer Jeschiwa tätig gewesen, taucht dann in Andernach auf und ist wahrscheinlich in Frankfurt a. M. in hohem Alter gestorben. Über die Tätigkeit des nächsten „Generalrabbi", der erst unter Karl V. erscheint, ist, soweit es sich um Einziehung von Steuern handelt, wenig bekannt geworden. Aber 1522 berief er Vertreter der jüdischen Gemeinden während des Reichstags nach Nürnberg, um mit ihnen über die Besteuerung der deutschen Judenheit durch das „Reichsregiment" zu beraten, worüber auch „Josei von Rosheim", der an der Versammlung teilnahm, in seinen Memoiren berichtet. Ob die Deutung der Abbreviatur in seiner Unterschrift „vom See d. i. vom Bodensee" richtig ist, erscheint zweifelhaft (bei dem häufigen Vorkommen dieser Bezeichnung ist der Zweifel nicht berechtigt. I. E.). Der „dritte und letzte Wormser Reichsrabbiner" Jakob ben Chajim aus Isenheim im Elsaß war schon mehrere Jahre Rabbiner in Worms, als er auf Antrag der Vertreter der Judenschaft von Kaiser Ferdinand zum „Oberhaupt und Richter aller jüdischen Gemeinden" ernannt wurde (Juni 1559). Über seine Tätigkeit als Schiedsrichter und seine Mitwirkung bei dem Entwurf einer „Ordnung" für die jüdische Gemeinde in Prag ist einiges bekannt. Berlin. Josua Friedlaender. Simon Dubnow, Mein Leben. Herausgegeben von Dr. Elias Hurwicz, Berlin 1937. Jüdischer Buchverlag Erwin Löwe. Der Altmeister der jüdischen Geschichtswissenschaft hat in seinem jetzigen Wohnort Riga seine Lebenserinnerungen in russischer Sprache 1934/35 erscheinen lassen. Der bewährte deutsche Übersetzer, der gemeinsam mit Dr. Bernhard Hirschberg-Schrader das Buch aus dem Russischen übertragen hat, hat seine Aufgabe darin gesehen, aus dem zweibändigen umfangreichen Werk das Wesentlichste in menschlicher und geschichtlicher Hinsicht herauszuheben. Bei dem vorgeschriebenen Umfange der deutschen Ausgabe, für die man der Jüdischen Buch Vereinigung Dank wissen muß, war es leider unvermeidbar, die Originalausgabe um ein beträchtliches zu kürzen. Der Übersetzer gesteht, er habe diejenigen Partien, die für den westeuropäischen Juden weniger von Interesse sein mochten, weggelassen. Dennoch kann man ihm bereitwillig zubilligen, daß er sein Ziel, trotz der Kürzungen ein möglichst zusammenhängendes Ganzes herauszuarbeiten, durchaus erreicht hat. Die Übersetzung liest sich ausgezeichnet, wie denn überhaupt das Buch zu denjenigen gehört, die man in einem Zuge liest, ohne abzusetzen. Dubnow hat seine Erinnerungen aufgrund von Tagebüchern abgefaßt, die er seit seiner Jugend mit großer Sorgfalt geführt hat. Auf diese Weise ist ein Werk entstanden, das von nun an zu den bedeutsamsten Exemplaren der jüdischen Memoirenliteratur gehören wrird. Wir vermuten, daß es einmal für den Zeitraum, den es repräsentiert, eine gleichwertige Geschichtsquelle darstellen wird wie seinerzeit Salomon Maimons „Geschichte des eigenen Lebens". Denn in den beiden Selbstbiographien stoßen wir auf das gleiche große Problem: die Ost-West-Spannung im Dasein der europäischen Judenheit, den Kampf zwischen dem gesetzestreuen Judentum und der modernen (westlichen) Aufklärung. Dubnow schildert nicht nur seine persönliche Entwicklung, die ihn von dem orthodoxen Bildungsmilieu über freigeistige Aufgeklärtheit schließlich zur nationaljüdischen Ideologie führte, sondern er gibt auch ein glänzendes Zeitbild der geistigen Strömungen, Emanzipationsbestrebun- 253