Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension] / Kisch, Guido
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 250 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Literatur Julian Lehmann, Gemeindesynagoge Kohlhöfen 1859—IQ34. Hamburg 1934. Verlag Albert Davids. 63 Seiten. Diese beiden norddeutschen Gemeinde- und Synagogengeschichten sind nicht so sehr als wissenschaftliche Leistungen, als vielmehr als wertvolle Sammlungen urkundlichen Materials zur Geschichte wichtiger jüdischer Gemeinden zu werten. Die Stettiner Gemeindegeschichte ist veranlaßt durch das 60. Synagogenjubiläum, das gleichzeitig das 100. des alten Gotteshauses bildete. Aus dem nachträglich beigegebenen Abriß der Gemeindegeschichte vor 1812 ist bemerkenswert, daß im Jahre 1261 den Juden in Stettin dasselbe Recht verliehen wird, „das für die Juden in der Stadt Magdeburg gilt". Das Magdeburger Recht aber gewährte den Juden eine von der der anderen Bürger kaum wesentlich unterschiedene Rechtsstellung. Über die Rechtslage der Juden in den anderen pommerschen Städten während des Mittelalters unterrichtet jetzt die Dissertation von Ulrich Grotefend, Geschichte und rechtliche Stellung der Juden in Pommern von den Anfängen bis zum Tode Friedrichs des Großen (Marburg 1931). In der hier interessierenden Frage des Magdeburger Judenrechts ist sie aber unselbständig, ausschließlich auf älterer Literatur aufgebaut, und daher wenig aufschlußreich. Der Hauptinhalt des Buches befaßt sich mit den Schicksalen der jüdischen Gemeinde, die in Stettin unter dem Schutz des preußischen Judenedikts von 1812 nach jahrhundertelanger Abwesenheit der Juden neu erstand, bald anwuchs und. schnell zu großer Blüte gelangte. Entwicklung und Verfassung der Gemeinde, Entstehung und Verwaltung ihrer Anstalten und Organisationen, Bedeutung und Tätigkeit ihrer Wohlfahrtseinrichtungen und Vereine finden eine ausführliche Darstellung, unter Benützung der Akten und Beibringung reichen statistischen Materials. Wohlgelungene Bildbeilagen geben die Gründungsurkunde, die Synagoge, wertvolle heilige Gerätschaften, den Friedhof und die Grabdenkmäler der Rabbiner wieder. Ähnliche Dokumente sind in der Geschichte der Hamburger Gemeindesynagoge Kohlhöfen gesammelt. Nachdem dieses Gotteshaus 75 Jahre seiner Bestimmung gedient hatte, mußte es infolge der Sanierung der Hamburger Altstadt kürzlich abgerissen werden. In Wort und Bild sind alle wichtigen Ereignisse und Persönlichkeiten festgehalten. Besonders interessant ist die Wiedergabe eines Gemäldes vom Inneren der Synagoge, das der italienische Maler A. E. Fiesello, angezogen durch den eigenartigen Reiz der gottesdienstlichen Handlung am Sukkothfest, 1879 geschaffen hat. Halle/Saale. Guido Kisch. Ahnentafel der Kinder des Nathan Weill in Kippenheim, herausgegeben von Alfred Sonder, Mannheim. Schirmer und Mahlau. Frankfurt a. M. 1935. 50 Seiten Quart und 4 Tafeln. Abgesehen von altangesessenen Adels- und Patriziergeschlechtern gibt es nur wenige Familien, die ihre Geschichte mehr als ein halbes Jahrhundert zurückverfolgen können. Und gar jüdischen Familien gelingt es höchst selten, ihren Stammbaum lückenlos weiter als bis zum Dreißigjährigen Krieg zurückzuführen. Die zahlreichen Vertreibungen und Verfolgungen der Juden seit dem Ausgang des Mittelalters haben sie zu Wanderungen genötigt, durch welche die sicheren Spuren ihrer geschichtlichen Vergangenheit zumeist ausgelöscht wurden. Nur selten haben sich solche durch die literarische Tätigkeit einzelner Gelehrtenpersönlichkeiten erhalten. Das trifft für die Kippenheimer Familie Weill zu, die ihre Ahnentafel bis auf Jehuda Weil aus Weil, der Stadt bei Stuttgart, (geb. etwa 1360) zurückführen kann. Sie verdient deshalb allein schon literarhistorische und familiengeschichtliche Beachtung. Juda Weils Sohn war Rabbi Jakob Weil (MRJW), der als Rabbiner in Nürnberg, Augsburg (1412—38), Bamberg, seit 1444 in Erfurt wirkte und eine Sammlung von Responsen und halachische Abhandlungen verfaßte. Sein Lehrbuch des rituellen Schächtens (Prag 1549) fand bis in die Neuzeit weite Verbreitung. Im ganzen sind fünf Rabbinergenerationen der Weils nachzuweisen. Zwei Vertreter der Karlsruher Seitenlinie, Vater und Sohn, wirkten als badische Oberlandrabbiner (vgl. Leopold Löwenstein, Nathanael Weil, Oberlandrabbiner in Karlsruhe und seine Familie, Frankfurt a. M. 1898). Die späteren Generationen widmeten sich vorwiegend dem kaufmännischen Beruf; erst in der Neuzeit sind wieder Wissenschaftler nachzuweisen. Zu ihnen gehört 250