Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 180 (sequence 2)
- Language
- German
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Literatur Aber nicht bloß zur Unterhaltung und Erbauung sollte die Lektüre des Ma'assebuches dienen, sie hatte auch eine bestimmte Tendenz: das Volk zu belehren. So trägt es einen religiös-didaktischen Charakter, steht auf der Grenze zweier Literaturgattungen: „der erbaulichen Predigtexemplare des Mittelalters einerseits und der ergötzlichen Volksbuchliteratur des vom Humanismus beeinflußten 16. Jahrhunderts andererseits" (S. 11). Das Ma'assebuch ist der Liebling des Volkes und daher seit dem ersten Erscheinen im Jahre 1602 oft neu aufgelegt worden. Mit dem Ma'assebuch hat sich schon Steinschneider in verschiedenen Schriften befaßt- Eine ausführliche Behandlung dieses Themas aber haben wir erst der eingehenden kritischen Untersuchung von Meitlis zu verdanken. In der Einleitung (S. 1—20) spricht er über das Volksbuch im allgemeinen und die Ma'asse im besonderen, über ihre Entstehung und Motive und geht dann zur Besprechung des Ma'assebuches über. Seinen Stoff gliedert er in fünf Kapitel. Im ersten (S. 21—45) werden die verschiedenen Drucke behandelt. Im Gegensatz zu Steinschneider, der die Ausgabe Basel 1602 nicht für die editio princeps hält, will Meitlis beweisen, daß die Baseler Ausgabe wirklich die erste ist und für die späteren Editionen maßgebend wurde. Im zweiten Kapitel (S. 40—103) bespricht er die Handschriften aus den Bibliotheken München, Paris und Oxford und ihr Verhältnis zur Baseler Ausgabe. Das dritte Kapitel (S. 108—120) weist für die Komposition drei verschiedene Schichten nach: 1. die talmudisch-misrachische Schicht, 2. mittelalterliche Erzählungen aus dem Regensburger Geschichtenkreis um Samuel und Juda den Frommen, 3. die allgemeine Novelle aus dem europäischen Abendland. „Das soll aber keineswegs heißen, daß das Ma'assebuch in der Baseler Ausgabe etwa rein mechanisch zusammengestellt wurde." „Es handelt sich vielmehr um ein Werk, das kunstvoll von einer Person bearbeitet, kompiliert und auch einer leitenden Idee unterstellt wurde" (S. 107). Die Entstehungszeit des Ma'assebuches (4. Kap. S. 121—126) fällt in das erste Drittel des 16. Jahrhunderts. Endgültig wurde es erst nach 1580 abgeschlossen. Mit der Frage nach dem unbekannten Autor befaßt sich das 5. Kap. (S. 127 ff.). Meitlis' Werk, das manche für das Leben der Juden in Deutschland wichtige Daten enthält, liefert einen wichtigen Beitrag zur Literaturgeschichte der Juden. Breslau. H. J. Zimmels. Beate Rosenfeld, Die Golemsage und ihre Verwertung in der deutschen Literatur. Sprache und Kultur der Germanisch-Romanisch an Völker, B: Germanistische Reihe V. Verlag Priebatsch, Breslau 1934. IX und 183 Seiten. Die Sage vom Golem bietet ein selten packendes Beispiel dafür, wie eine schon aus talmudischer Zeit stammende Überlieferung sich durch alle Perioden der Geschichte fortpflanzt und noch heute im Volksbewußtsein der Juden und, ich möchte gleich hinzusetzen, auch im geistigen Bewußtsein vieler nichtjüdischen Dichter und Mystiker lebt. Zu der ursprünglichen Bezeichnung für einen ungeschlachten Menschen, die sich schon in einer schwer deutbaren Bibelstelle findet, kam die Sage vom künstlich geschaffenen Menschen, vom Homunculus, den ja auch andre Völker und Dichtungen kennen. Wie aber der Homunculus in der deutschen Dichtung sich mit dem Magier Faust verband, so suchte sich die jüdische Homunculus-Sage den jüdischen Faust — den geheimnisvollen Hohen Rabbi Low aus Prag. Es bleibt freilich auch in der besonnenen Darstellung Beate Rosenfelds ein ungelöstes Problem, wie die Sage vom Rabbi Low, die nach Scholems Golem- Artikel in der Encyclopaedia Judaica VII erst im 18. Jahrhundert entstand, dazu kam, sich grade an einen Mann zu heften, der ganz außerhalb aller kabbalistischen Tradition stand. Vielleicht, daß doch Jehudas erwiesene astronomische Studien (in alten Quellen heißt ja sogar eine Mondformation nach ihm) sowie seine geheimnisvolle Audienz bei dem wundergläubigen Kaiser Rudolf zusammengewirkt wurden mit der gerade zu seiner Zeit erfolgenden Rechtfertigung der Prager Juden gegen die als Lüge erkannte Ritualmordbeschuldigung. Genug, er wurde der Volkssage zum Schöpfer des „künstlichen Menschen", des Golem. Drei Motive der Sage lassen sich in ihrem Fortwirken voneinander trennen: die Schöpfung des Golem, sein Knechttum und die endlich eintretende Katastrophe. Sie wirken bis in die Golemdichtungen der allerjüngsten Zeit fort. Denn der Golem wird zum Sinnbild der Naturgewalt, die sich gegen den Geist aufbäumt. Und so mußte eine 180