Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- David Friedländer und seine Zeit
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 5)
- Language
- German
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Ernst Fraenkel. David Friedländer und seine Zeit Bildungssucht lebte und dem, wie er später in dem Eingange in „die Briefe über die Moral des Handels" schreibt, „in der Rosenzeit der Jugend die Einbildungskraft ein reizendes Bild von der ganzen Menschheit entwarf", war David Friedländer. Den klugen, gebildeten und wohlhabenden jungen Mann zieht es nach Berlin zu dem Freunde Lessings, dem Verfasser des überall gelesenen „Phädon", dem Verteidiger jüdischer Lehre gegenüber Lavater, zu dem Weltweisen, der Mittelpunkt des Berliner geistigen Lebens geworden ist, zu Moses Mendelssohn. In Begleitung von Marcus Herz, der auf seine Veranlassung und durch seine Unterstützung mit ihm geht21) und ihm von da ab bis zu Herz' Tode (1804) in engster geistiger Zusammenarbeit und innigster Freundschaft verbunden bleibt, kommt David Friedländer 1770 nach Preußens Hauptstadt. „Die jüdische Kolonie", so berichtete im Jahre 1772 bei einem Besuche in Berlin der Professor J. Ch. Hennings, „ist beträchtlich22). Man zählt 400 Familien, die auf 2000 Köpfe gezählt werden. Sie hat den großen Vorzug, daß sie durch den Ruhm ihrer Gelehrten einen noch größeren Glanz erhält wie durch die Schönheit der Damen. Ein Brief von Reimarus führte mich in das Haus des berühmten Mendelssohn ein____ Bei dem Banquier Itzig, der einen Palast bewohnt, sehe ich häufig den gelehrten Friedländer, welcher in der gebildeten Welt sehr geschätzt wird"23). Diese kurzen Sätze eines Zeitgenossen zeigen uns einmal die Bedeutung einer bestimmten Schicht der jüdischen Gesellschaft dieser Zeit für Preußens Hauptstadt und die Beachtung, die Friedländer in ihr zu finden beginnt. Durch seine 1772 erfolgte Verheiratung mit Blümchen Itzig, einer der Töchter D.Itzigs, von denen Hennings zu rühmen wußte: „Itzigs Töchter erhöhen die Anmut ihrer Schönheit durch ihre Talente, besonders für Musik, und durch einen fein gebildeten Geist"24), trat er einerseits in engste verwandtschaftliche Beziehungen zu der reichsten und angesehensten Familie der Juden in Preußen, andrerseits verschafften ihm seine finanziellen Mittel und seine engen Verbindungen mit Königsberg die Möglichkeit, sich wenige Jahre nach seiner Übersiedlung nach Berlin wirtschaftlich selbständig zu machen. Es ist die Zeit, da Preußens König in der „Etablierung von Manufakturen und Fabriken im Lande" besonders für Seiden- und Baumwollwaren neue Möglichkeiten für den wirtschaftlichen Aufbau seines Landes sieht, und wo er bereit ist, auch seinen jüdischen Untertanen, die ihre Geldmittel für diese wirtschaftlichen Zwecke zur Verfügung stellen, Konzessionen und Privilegien zu erteilen. So gründet auch David Friedländer 1776 mit dem Kaufmann Gardemin eine Seidenfabrik in der Heiliggeiststraße, die bald ausgezeichnet florierte25). Gemeinsam 21) J. Fürst, Henriette Herz, S.93. 22) J. Ch. Hennings (1731—1815). Seit 1765 Professor der Moralphilosophie in Jena, wohin er an Stelle des mit ihm gemeinsam vorgeschlagenen Kant berufen worden ist. Vgl. ADB XI, S. 780 ff. 23) L. Geiger, Berlin 1688—1840, I, S. 383. 2*) Ein Bildnis von Blümchen Friedländer nach einer Silberstiftzeichnung von Anton Graff bei E.Friedländer a.a.O. 25) „Unter den Unternehmern von Seidenmanufakturen sind jetzt ... die Kaufleute Gardemin u. Komp. in der Heilig Geiststr. seit 1776: 65 Stühle. 1500 Stücke für 90000 Rthlr." Nikolai, Beschreibung Berlins, II, S. 516. 69