Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 214 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2259275-2259293-2259297-2261593--3971-2261672- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Literatur rabbimschen Literatur erwähnten Anussim wird beigefügt. Der wertvollste Teil des Buches scheint mir der Quellenanhang, der die gesamte einschlägige Literatur (77 Responsen aus den Jahren 1391—1737) in deutscher, zum Teil auszugsweiser Uebersetzung enthält und auch einige hebräische Stücke aus Handschriften. Für die Geschichte der deutschen Juden bietet das erste Kapitel: „Die Stellungnahme der Rabbiner zu den Anussim bis zum Jahre 1391 und zu den Anussim in anderen Ländern außer Spanien" wertvolles Material, da es die auf die Zwangsbekehrten der deutschen Judenverfolgungen bis ins 14. Jahrhundert bezüglichen Responsen (Raschi, R. Chaim Or Sarua, R. Israel Isserlein, R. Jakob Mölln und R. Israel Bruna) verarbeitet, deren Stellungnahme zum größten Teil für die Anussim günstig ist, was sich daraus erklärt, daß diese ja — im Gegensatz zu den späteren spanischen und portugiesischen — meist wieder zum Judentum zurückkehrten. Erwähnt sei auch die interessante und neue Erklärung von Zimmels für das vielumstrittene Wort „Marranen". Er führt es zurück auf mumar-anus. Die erste Silbe ist, wie es auch sonst vorkommt, verloren gegangen, es entstand das Wort maranus, das dann im Spanischen Bürgerrecht erlangt hat, wie etwa Malschin (malsinar, malsineria). Prag. S. H. Lieben. Geschichte der jüdischen Gemeinde Kassel unter Berücksichtigung der Hessen- Kasseler Gesamtjudenheit, Bd. I, herausgeg. von der Israelitischen Gemeinde Kassel, Kassel 1931. 195 S. u. 24 Tafeln. Die jüdische Gemeinde der von Spruchbefugten ob ihrer Schönheit mit Recht so oft gerühmten kurhessischen Hauptstadt hat den in dieser Zeit doppelt hoch anzuschlagenden Opfermut, ihre Geschichte schreiben zu lassen, von der jetzt der 1. Band vorliegt. Er hält das im Vorwort gegebene Versprechen, ein getreues und möglichst vollständiges, durch Illustrationen belebtes Bild der kulturellen, geistigen und sittlichen Sachverhalte, kurzum der inneren Geschichte und historischen Grundlagen geben zu wollen. Gerade bei der jüdischen Geschichte kommt es ja nicht sowohl darauf an, Ereignisse als vielmehr das innere Drama derer, die sie erlebten, darzustellen. Als berufener Führer durch die „Kasseler Synagogengeschichte" (Synagogen und Friedhöfe, Kunst und Handwerk der Juden in Kassel) erweist sich auch diesmal Rudolf Hallo. Es ist ein weiter, doch in seiner Gesellschaft nirgends ermüdender oder eintöniger Weg, den wir hier vom 13. bis weit in das 19. Jahrhundert hinein zurücklegen. Fein kennzeichnet H. den Unterschied zwischen zwei aufeinanderfolgenden Generationen (S. 28). „Die Früheren legen nicht Wert darauf, außerhalb ihres jüdischen Kreises gesehen zu werden, die Späteren nicht, außerhalb ihres Kreises als Juden gesehen zu werden." Sehr beachtenswert ist die Denkschrift (vermutlich von Pinhas; S. 54 ff.) über Synagogenbaustile sowie die Entwicklungsgeschichte des jüdischen Handwerks in Hessen (S.66ff.). Aus jeder Zeile spricht Sachkunde und Liebe zum Gegenstande. Ungemein fesselnd und so lebendig, wie man nur aus eigener Erfahrung und Anschauung schreiben kann, behandelt Jul. Dalberg die „Volkskunde der Hessen- Kasseler Juden". Aber auch für die Volkskunde gilt das Wort Napoleons III.: „L'historien doit etre plus qu'un peintre. II doit, comme Ie geologue, qui explique les phenomenes du globe decouvrir Ie secret de la transformation des societes." Hiernach ergibt sich für Hollekreisch (S. 129), Lilith (157) und Drudenfuß (137) ein innerer Zusammenhang. Nach einem alten jüdischen Brauch wurde und wird noch heute in einigen Gemeinden Südfrankreichs dem Kinde der Wiegenname (schem ha-'arissa) erteilt, wenn es nach dem ersten Ausgange der Wöchnerin mit einer gewissen Feierlichkeit von der Patin in die Wiege gelegt wird. Dieser Brauch wirkt im „Hollekreisch" nach, der von den Juden Süddeutschlands, Hollands, des Elsaß, der Schweiz und angrenzender Gebiete geübt wird und darin besteht, daß Kinder aus dem Bekanntenkreise die Wiege mit dem Kindchen heben und rufen; „Hollekreisch, wie soll das Boppele (Püppchen) heißen?" Hierauf wird dem Kinde der Name gegeben und die Gästeschar bewirtet. Durch das Aufheben wurde bei den Germanen (auch den Römern) das Kind in den väterlichen Schutz aufgenommen. Beschenken bei der Namengebung war gleichfalls germanische Sitte. Deutsch ist auch die Bezeichnung „Hollekreisch", aus der die französischen Juden ein „ä haut la creche" machten. Sie entspricht dem englischen „to cry the mare" und dem „Kolrarufen" im Kreise Hersfeld 214