Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1932-01-01 · Heft 4 · p. Seite 209

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1932
Issue
Heft 4
Article
[Rezension]
Date
1932-01-01
Page
Seite 209 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2259275-2259293-2259297-2261587--3956-2261667
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Literatur europa und die energischen Versuche, sie durch Förderung und Organisation der Auswanderung wie durch Berufsumschichtung (Uebergang zur Landwirtschaft, zum Handwerk, zur Großindustrie) zu überwinden oder doch zu mildern. Neben den politischen und den wirtschaftlichen Potenzen stehen die Bestrebungen zur körperlichen Ertüchtigung der Juden, denen ein besonderes Kapitel gewidmet worden ist, das namentlich den Kampf gegen gewisse Degenerationserscheinungen und die zunehmende Anerkennung und Durchsetzung eugenischer Forderungen beleuchtet. Das Schwergewicht des ganzen Bandes hegt jedoch in der Schilderung der geistigen Strömungen, von denen das heutige Judentum getragen und vorwärtsgetrieben wird. Ruppin unterscheidet dabei zentrifugale (zerstörende) und zentripetale (erhaltende) Kräfte. Zu jenen rechnet er die durch die Lockerung der Abstämmlings- und Schicksalsgemeinschaft und den Ausgleich der rechtlichen und wirtschaftlichen Verschiedenheiten geförderte Assimilation, den Zerfall der Sprachgemeinschaft, die rasch zunehmende Verdrängung jüdischer durch weltliche Bildung sowie den Niedergang der jüdischen Religion, zu diesen die jüdische Gemeindeorganisation, die Bestrebungen zur Erhaltung von Religion und Tradition sowie die Stärkung des Zusammengehörigkeitsbewußtseins durch die jüdische Presse, die jüdische Literatur und das jüdische Theater, die jüdische Wohlfahrtspflege, die Jugendbewegung und andere gesellschaftliche Zusammenschlüsse. Was die Darstellung bietet, ist hoher Anerkennung wert; sie zeugt nicht nur von einer umfassenden Kenntnis aller wichtigen Strömungen und Bewegungen im Judentum, sondern auch von einem tiefen Verständnis selbst für solche Erscheinungen, denen Ruppin durchaus ablehnend gegenübersteht. Dennoch vermisse ich hier manches, das der soziologischen Analyse wert gewesen wäre. So fehlt vor allem eine eingehende Schilderung der Entwicklung der jüdischen Familie, die für große Teile des Judentums noch immer ein stark verbindendes Element ist und deshalb m. E. zu den erhaltenden Kräften gezählt werden muß, sowie eine Untersuchung der modernen Klassenbildung und Klassenorganisation in ihren überall bemerkbaren zerstörenden Rückwirkungen auf die Geschlossenheit der jüdischen Gesellschaft. Ihren Gipfel erreicht die Darstellung im fünften Abschnitt, der dem „Zionismus" gewidmet ist. Dieser enthält nicht nur einen knappen Ueberblick über Geschichte und Leistungen des Zionismus, sondern führt zugleich mit nüchterner Klarheit in die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Probleme ein, mit denen die Bewegung in Palästina heute mehr denn je zu ringen hat. Und wie sich gerade hier der realistische Blick des Verfassers in besonderem Maße bewährt, so zeichnet sich der ganze Band durch die gleiche, für einen parteigebundenen zionistischen Autor immerhin bemerkenswerte Objektivität aus, die ich bereits dem ersten nachrühmen konnte. Sie macht ihn zu einem zuverlässigen Führer durch die gesellschaftliche Wert des Judentums und ihre Entwicklungstendenzen, einem Führer, dem viele Leser intra et extra muros zu wünschen sind. Malle/Saale. Georg Jahn. Alfred Marcus, Die wirtschaftliche Krise des deutschen Juden. Eine soziologische Untersuchung. Berlin 1931, Georg Stilke. 184 S. M. sieht die besondere wirtschaftliche Krise des jüdischen Bürgertums in Deutschland darin, daß die traditionelle Betätigung der Juden im Handel aus objektiven, in der Entwicklung des Kapitalismus liegenden Gründen stark gefährdet ist. Um das zu beweisen, untersucht er diejenigen Wirtschaftszweige, in denen erfahrungsgemäß Juden in verhältnismäßig großer Anzahl tätig sind (Metallhandel, Bankwesen, Textilwirtschaft, Getreidehandel), sowie die jüngste Entwicklung in Berlin, das bekanntlich ein Drittel der deutschen Juden beherbergt. Er hat z u diesem Zweck mit großer Mühe ein umfangreiches Zahlenmaterial gesammelt, das nicht nur die wirtschaftliche Situation der Juden in den genannten Wirtschaftszweigen nach Hauptjudenstädten beleuchten, sondern auch die Entwicklungstendenzen erkennen lassen solL Diese statistischen Studien sind sehr dankenswert und, soweit sie die Tatbestände feststellen, auch kaum anfechtbar, obgleich sie nur Teilergebnisse bieten. Aber da die Statistiken nur zum Teil einen Vergleich zwischen der Vorkriegszeit und den letzten Jahren ermöglichen (Metallhandel), zum Teil sich 209

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.