Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 4
- Article
- Elise Reimarus und Moses Mendelssohn
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 179 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Bertha Badt-Strauß. Elise Reimarus und Moses Mendelssohn Wie tief aber in der Hamburgerin das Gefühl der beginnenden Entfernung bei aller dauernden Verehrung bereits Wurzel geschlagen hatte, das zeigt nun in den neu erschlossenen Briefquellen ihr Urteil über das neue Werk, das jetzt den Hauptinhalt seiner Tage ausmachte: Mendelssohns Bibelübersetzung. Wir wußten lange schon, daß sowohl Elise Reimarus wie Hennings auch bei diesem Werke sich Mendelssohn mit Wort und Hand hilfreich erwiesen. Elise sammelte, ob sie gleich „eine Uneingeweihte" war, Pränumeranten für die Bibelübersetzung und freut sich, auch ein Scherflein zur Beförderung seiner heilsamen Absicht beizutragen. Hennings tut nicht nur das, sondern erbietet sich auch, das Werk durch Vermittlung beim dänischen Staate gegen den Bannfluch des Altonaer Rabbiners in Schutz zu nehmen. Und doch stehen, wie wir jetzt deutlich sehen, beide im Grunde diesem rein jüdischen Unternehmen innerlich ablehnend gegenüber. Merkwürdig und vielsagend ist es, daß dies geheime Abrücken gerade mit einem bestimmten Stadium in ihrer Lessing-Freundschaft zusammentrifft. Damals veröffentlicht Lessing sein berühmtes Viertes Fragment und begleitet es mit seinem eigensten Bekenntnis, der „Erziehung des Menschengeschlechts". Und da wird die unbeirrte Aufklärerin irre an der Fahnentreue des großen Freundes. Nicht nur, daß die „Erziehung" nach ihren Worten „Danker und Undenker verwirrt"; noch aufschlußreicher ist es, daß sie sie geradezu in eine Linie stellt mit Mendelssohns Bibelübersetzung: „Nicht wahr, wenn das so fortgeht, daß hier Einer das Menschengeschlecht erzieht und dort ein Andrer das Alte Testament übersetzt, da wird wohl am Ende jeder vor sich allein stehen bleiben und seiner Gottheit einen besondren Herd bauen oder ihren Stock anbeten?"19). * Hier liegt ein Wendepunkt in der Geschichte der Aufklärung. In Lessings teleologischer Vision wie in Mendelssohns Rückkehr zur Wiedergabe der Offenbarung am Sinai erkennt die leidenschaftliche Freundin der Religion der Vernunft ein Feuerzeichen: ist das Abfall von einer schwer errungenen neuen Wahrheit? Ists ein erster Vorbote einer neuen Zeit, die über die Wahrheit des Rationalismus hinausstrebt? — Sie schüttelt den Kopf. Aber nun weiß sie, daß der Jude Moses durch dieses Werk wenigstens seiner Nation nützlich werden wollte — wenn er schon nicht die Religion der Vernunft dadurch fördern konnte. Und sie schaut sich um: hat er wenigstens diesen Zweck erreicht? — Auch das muß sie verneinen. „Im Ganzen fürcht ich indeß, daß er den Lohn seiner Mühe, den Nutzem bei seinem Volke, durch die Uebersetzung der Bibel verliert. Denn die Portugiesen lesen die hebräischen Lettern fast nicht mehr, und die Deutschen lesen Ihn nicht. „Es ist ein Mameluke! wir halten nichts von ihm!" so heißt es unter diesen fast überall, wo mein Bruder davon gesprochen. Dies kränkt mich um Mendelssohns willen, und auch im Ganzen, als Beweis, wie viel verdenken, daß er eigentlich „mehr die Sache Mendelssohns zu führen meint, wenn er der Aufklärung Altäre baut" (H. an M. 23. S. 1783). Vgl. zu dieser „Zersetzung" auch Böhm, Sokrates im 18. Jahrhundert (1929), S. 217 ff. 19) E. R. an H. 28.3.1777; später scheint sie freilich ein wenig milder geworden: sie räumt Mendelssohn ein, daß es wahre und falsche Vorurteile gäbe, und daß man nicht „sowohl gegen Vorurteile als gegen das Kleben an denselben, wo reiferes Urteil Statt haben sollte, zu schreien hat". Und sie versteht seine Haltung aus seinem Charakter: „In Ansehung Mendelssohns müssen Sie übrigens etwas seinem natürlichen sanften ruhliebenden Charakter zu Gute halten, vermöge welchem er lieber das Böse in der Welt durch sein Leben als durch seine Schriften bestreitet und solches auch von seinen Freunden wünscht." (An H. 2.10.1779.) 179