Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 4
- Article
- Elise Reimarus und Moses Mendelssohn
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 178 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Bertha Badt-Strauß. Elise Reimarus und Moses Mendelssohn als des Sporas bedurfte, auf die Grenzen der Toleranz vom Staate aus hingewiesen zu haben13). Während Hennings starr wie bisher „beinahe Den hassen könnte, der den Vorurteilen das Wort redet", mahnt Mendelssohn weiter blickend, obwohl er gerade selbst unter jüdischen wie christlichen Vorurteilen zu leiden hatte: „Lassen Sie uns wider die Vorurteile selbst mit keinem Vorurteile eingenommen sein!"14). Hier erscheint Mendelssohn etwa in der über den begrenzten Rationalismus hinauslangenden Stimmung, die auch Lessing erfüllte, als er fürchtete, „daß, indem er gewisse Vorurteile weggeworfen, er ein wenig zuviel mit weggeworfen habe, was er werde wiederholen müssen"15). Aber seine beiden Korrespondenten folgen ihm auf diesem Wege nicht: Elise bekennt, daß ihr Mendelssohns Brief nicht nur in manchen Stellen unerklärlich erscheint, sondern auch gradezu „anders als sie ihn wünscht"16). Wenn die im Staate herrschende Partei einmal Macht übers Denken erhielte, dann fiele alle Toleranz. Immer wieder kommt sie darauf zurück, daß sie „diese Art von Intoleranz einem so richtig denkenden Philosophen nicht zugetraut hätte"17). Ja, sie begreift nunmehr, warum ihn Hennings nicht über seine philosophischen Versuche zu Rate zieht . . . Mit frauenhafter Geschicklichkeit weiß sie allerdings diesen ablehnenden Standpunkt in einem Briefe an Mendelssohn selbst ein wenig zu verhüllen, ohne doch der Wahrheit untreu zu werden. „Was Ihren gegenwärtigen Streit über die Vorurteile betrifft", so schreibt sie am 1. Oktober 1779, „so trete ich ebenfalls dahin auf Ihre Seite, daß sie in dieser Welt nicht nur unvermeidlich sind, sondern auch gleich den Fehlern im Rechnungführen, manchen entgegengesetzten Irrtum wieder gut machen . . Freilich wünscht auch sie, daß man sie so viel als möglich ausrotte. „Aber wie? nicht durch Feuer und Schwert, sondern dadurch, daß man ihnen so viel wie möglich das Licht der Wahrheit entgegenstellt, welches sie nicht vertragen können . . . Wenn ich also sage: ich wünschte die Vorurteile ausgerottet, so verstehe ich darunter, daß man so viel möglich nach deutlichen Begriffen strebe, so viel möglich den höchsten Grad der Wahrheit aufsuche und ihr Licht verbreite. Allgemein wider Vorurteile zu Felde ziehen heißt, deucht mich, wider eine Cnimäre fechten. Aber verzeihen Sie, liebster Mendelssohn, daß ich mein unphilosophisches Urteil so hinwerfe, wie es in meinem Kopfe steht. Es liegt mir daran, daß Sie meine Rechnungsfehler aufdecken und mich (!) zu einem richtigen Facit verhelfen ..." Was Mendelssohn der Aufklärungsfreundin auf diesen Brief antwortete, wissen wir nicht. Vielleicht mag er, wie er unlängst an Hennings geschrieben hatte, der Meinung gewesen sein, die er häufig zu vertreten liebte, daß sie im Grunde bloß in Worten voneinander abgingen, in der Sache dagegen sich gar bald vereinigen würden18). M.M. an Hennings: 13.7.1779 und 29.7.1779. Beide Briefe bei Kayserling, M. M., 1. Aufl. (1862), SS. 524 u. 527. 14) M.M. an Hennings 20.9.1779. 15) Lessing an Mendelssohn 9.1.1771. E.R. an H. 31.8.1779. 17) E. R. an H. 7.9.1779. 18) Deutlicher noch tritt der Zwiespalt in der Entwicklung der Aufklärungsfreunde in einer Diskussion zutage, die Hennings einige Jahre später mit Moses Mendelssohn (1784) über seinen Aufsatz „Üeber die Frage: was heißt aufklären?" führte. Hier hat Mendelssohn — wie etwa Kant, Engel, Eberhard zu gleicher Zeit — so weit Abstand zu den erreichten Zielen gewonnen, daß ihm die Idee der Aufklärung selbst zum Problem geworden ist; er sieht Grenzen für die Aufklärung, ja ihren Mißbrauch in der Hand der Zeloten. Hennings dagegen ist immer noch Herold im alten Stil; es ist ihm nicht zu 178