Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 4
- Article
- Elise Reimarus und Moses Mendelssohn
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Elise Reimarus und Moses Mendelssohn Von Bertha Badt-Strauß (Nach ungedruckten Quellen) In Hamburg, der Hochburg deutscher Aufklärung und zugleich der Heimat ihrer erbittertsten Widersacher, der Stadt des Hauptpastors Göze und der Hamburgischen Dramaturgie, lebte im 18. Jahrhundert eine scharfblickende und vernunftliebende Frau, der es vom Schicksal bestimmt war, zweimal an entscheidenden Punkten in den Gang deutscher Geistesgeschichte einzugreifen. Das ist Elise Reimarus, die Freundin Lessings und Moses Mendelssohns. Der reiche, bisher zum großen Teil noch unbekannte Nachlaß dieser fleißigen Brief schreiberin und -empfangerin ermöglicht es heute, von dieser noch allzu wenig bekannten Gestalt und der Rolle, die sie im Geistesleben des 18. Jahrhunderts spielte, neue Erkenntnisse zu erlangen. Ihre Freundschaft mit Lessing ist an anderer Stelle dargestellt worden1). Hier soll unter Benutzung aller zugänglichen Quellen versucht werden, ihre folgenschwere Freundschaft mit Moses Mendelssohn, dem „Juden von Berlin", darzustellen. Schon einmal wurde diese in vielem Betracht lockende Aufgabe von Ludwig Geiger in Angriff genommen2); doch standen ihm die Quellen nicht in der Vollständigkeit zur Verfügung, wie wir sie heute besitzen. Der vorliegende Versuch nutzt zunächst den unterdes zugänglich gewordenen Briefwechsel der Elise Reimarus mit dem dänischen Staatsrat August Hennings, dem Freunde und Schüler Mendelssohns; dann den im Originale oder in Abschriften vorliegenden Briefwechsel der Elise Reimarus mit Mendelssohn und mit F. H. Jacobi, der kürzlich durch einige weitere von mir im Nachlasse der Familie Sieveking gefundene Briefe Mendelssohns an Elise und Elisens an Jacobi bereichert werden konnte; schließlich die reichen im Familienbesitz befindlichen weltanschaulichen Aphorismen der Hamburgerin, die an vielen Punkten ein klareres Bild ihrer menschlichen und denkerischen Entwicklung vermitteln. Eine Untersuchung dieser merkwürdigen Freundschaft im Zeitalter der Aufklärung verspricht bei der kulturgeschichtlichen Bedeutung der beiden Partner dreierlei Ergebnisse. Einmal wird die durchaus nicht eindeutig bestimmbare Beziehung der Christin zum Juden klarer als bisher in ihrer Entwicklung und in ihren Trübungen; dann wird manches bezeichnende Wort über die Stellung der deutschen, besonders der Hamburger Juden zu Mendelssohn berichtet; endlich wird die x) Vgl. „Die Frau" (Organ des Bundes deutscher Frauenvereine) Berlin 1931 Jahrg. 38 (1931), Heft 4, S. 232 ff.: B. Badt-Strauß, Aus unbekannten Briefen von Elise Reimarus. 2) Ztg. f. Literatur, Kunst u. Wissenschaft (Beilage d. Hamburgischen Korrespondenten) 1902, Nr. 10 u. 11. i 173