Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 2)
- Language
- German
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Literatusweichen (S. 445). Das sind nun Momente, die auch für das Leben der Juden in Deutschland von großem Gewicht waren, aber bei der Darstellung dieser Ereignisse erfährt man von den Spannungen und Kämpfen innerhalb des deutschen Volkes nichts. Dieses ganze, etwas dürftige Kapitel enthält nur eine einzige Anklage, aber diese ist beispielsweise, wo sie das Verhalten des Rats von Straßburg im Jahre 1348 nennt (S. 399), höchst einseitig und ungerecht. Das Kapitel über den Antisemitismus (S. 580—612) liest man, so weit es sich um die Darstellung und Zusammenfassung der Ereignisse handelt, ohne Widerspruch; wenn aber nachher die Erklärung kommt, daß der Antisemitismus lediglich ein Problem der christlichen Welt ist und daß „die jüdische Diaspora nur dazu dienen konnte, es in Permanenz zu erklären und ihm seine zeitlose und für das Erdulden des Juden furchtbare Aktualität zu geben", muß man sich doch fragen, ob wohl die Gegenseite gar nichts darauf zu erwidern hat. Das alles kommt daher, daß der Verfasser nicht erst die Tatsachen und dann die Deutung gesucht hat, sondern mit einer feststehenden Deutung an seine Arbeit gegangen ist und in sie die Tatsachen einzwängt. Das Buch ist eben nicht „eine Geschichte", wohl aber eine Besinnung auf die eigene Lage und ein menschliches Bekenntnis von beachtenswertem Format. Berlin. I. Elbogen. J.B.Kraus, S.J., Scholastik, Puritanismus und Kapitalismus. Eine vergleichende dogmengeschichtliche Uebergangsstudie. München und Leipzig 1930, Duncker & Humblot. 329 S. Max Weber hat in seiner berühmten Abhandlung „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" (zuerst 1904) die These verfochten^ der Calvinismus mit seiner Prädestinationslehre und das Puritanertum mit seiner innerweltlichen Askese und seiner eigentümlichen Berufsauffassung hätten entscheidenden Einfluß auf die Ausbildung des „kapitalistischen Geistes" ausgeübt, dieser Geist habe sich wirtschaftliche Ausdrucksformen gesucht, und das Ergebnis sei jenes westeuropäisch-amerikanische Wirtschaftssystem gewesen, das gemeinhin als „Kapitalismus" bezeichnet wird. In ähnlichen Bahnen bewegte sich Werner Sombart, wenn er in seinem Buche „Die Juden und das Wirtschaftsleben" (zuerst 1911) den Anteil der Juden an der Kommerzialisierung des Wirtschaftslebens, die Befähigung der Juden zum Kapitalismus und die Bedeutung der jüdischen Religion für das kapitalistische Wirtschaftssystem untersuchte und. auch für die Wirtschaftsethik der Juden einen bedeutenden, wenn nicht sogar den bestimmenden Anteil an der Entstehung des kapitalistischen Geistes behauptete. Beide Auffassungen sind zwar sehr anfechtbar, haben aber dennoch weithin Anerkennung und Annahme gefunden. Die vorliegende bedeutende Untersuchung des Jesuitenpaters J. B. Kraus wendet sich nun auf Grund eingehender Quellenstudien gegen die Webersche These. Ausgehend von einer vortrefflichen Skizze des mittelalterlichen Hintergrundes, d. h. der Wirtschaftsethik der Scholastik (mit ihrer Eigentumslehre, ihrer Lehre vom gerechten Preise und ihrer organischen Gesellschafts- und Wirtschaftsauffassung), schildert sie zunächst die Stellung der „Church of England" zu den Wirtschaftsproblemen ihrer Entstehungszeit, um sodann das Hauptgewicht auf die Darstellung des Kampfes der Puritaner um religiöse Toleranz auf der einen, um Gewerbefreiheit auf der andern Seite sowie auf die allmähliche Ausbildung der puritanischen Wirtschaftsethik mit ihrer spezifischen Eigentumsauffassung, ihrer Rechtfertigung des Gewinnstrebens, ihrem Arbeitsethos und ihrer Heiligsprechung der Wirtschaftstugenden zu legen. Das Ergebnis der außerordentlich gründlichen, ruhig abwägenden und den Quellen kritisch gegenüberstehenden Untersuchung ist kurz folgendes: Daß die puritanische Mentalität an der Bildung des neuen Wirtschaftsgeistes mitgewirkt hat, unterliegt keinem Zweifel; angesichts der starken Verflechtung religiöser und merkantilistischer Gesichtspunkte und Interessen geht es jedoch nicht an, ihr die entscheidende Rolle zuzuweisen. Die Dinge 54