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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1931-01-01 · Heft 4 · p. Seite 279

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1931
Issue
Heft 4
Article
Die Auflösung des Rothschildarchivs in Frankfurt a. M.
Date
1931-01-01
Page
Seite 279 (sequence 1)
Language
German
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Miszellen Die Auflösung des Rothschildarchivs in Frankfurt a. M. Von Jacob Jacobson. In der „Archivalischen Zeitschrift Jahrgang 1931, gelangt ein Aufsatz zum Wiederabdruck, in dem Dr. Christian W. Berghöffer, der frühere Direktor der Freiherrlich Carl von Rothschildschen Oeffentlichen Bibibliothek in Frankfurt a. M., über das tragische Schicksal des Rothschildschen Hausarchivs Mitteilung macht. Das Archiv des Frankfurter Hauses Rothschild war schon in den 60er Jahren aus dem Bank-Gebäude in der Fahrgasse in ein Hinterhaus der Großen Friedberger Str. 25, ins sog. „Gewölbe" übergesiedelt. Auch die Reste des Archivs der Neapeler Niederlassung waren nach deren Auflösung im Jahre 1861 nach Frankfurt gebracht worden. Nach dem Tode Wilhelm Karl von Rothschilds, des letzten Chefs des Frankfurter Hauses, fiel im Jahre 1901 der weitaus größte Teil dieser Archivmassen der Vernichtung anheim. 1404 Zentner Geschäftsbücher und Geschäftsakten (etwa die Ladung von 5 Eisenbahnwaggons) wurden damals eingestampft. Dank dem Eintreten des Londoner Liquidationsbevollmächtigten der Familie Rothschild, Joseph Ferdinand Nauheim, gelang es Berghöffer, die ältesten Geschäftsbriefe und -bücher bis zum Jahre 1817 vor der Vernichtung zu retten. Das älteste Geschäftsbuch, das sich vorfand, war aus dem Jahre 1795. Es stammte von der Hand Seligmann Geisenheimers, des Begründers des Frankfurter Philanthropin. Ferner wurden alte Akten, die sich auf wichtige Aktionen bezogen, sowie die sog. Tilgungsbücher der einzelnen von Rothschild aufgelegten Anleihen ausgesondert. Dazu kamen dann noch die auf das kurhessische Fürstenhaus bezüglichen Schriften, Briefe und der Schriftverkehr zwischen den einzelnen Rothschildschen Bankhäusern. Schließlich die Testamente. All die eben genannten Gruppen sollten in der Frankfurter Rothschildschen Bibliothek aufbewahrt und so vor dem Untergang geschützt werden. Für die Benutzung sollten sie gesperrt bleiben. Aber am Widerstande des damaligen Chefs der Familie Rothschild, des Barons Alfons von Rothschild in Paris, scheiterten diese Vorschläge. Es wurde nur soviel erreicht, daß die ältesten der ausgesuchten Sachen in etwa 24 Kisten nach Brüssel und von dort später in das Bankhaus nach Paris gebracht wurden. Uebergroße Aengstlichkeit ließ auch diese Sendung nicht ganz unangetastet. Die Akten, die von der durch das Pariser Bankhaus besorgten französischen Kriegskostenentschädigung vom Jahre 1815 handelten, mußten auf Anordnung von Alfons von Rothschild zerstört werden. Letzter Grund hierfür war die Nervosität, die sich aus der Atmosphäre der Dreyfußprozesse ergab. Die Aengstlichkeit der Pariser Herren ging so weit, daß nicht einmal den Mitgliedern der Familie Rothschild ohne weiteres der Zutritt zum Archiv gestattet wurde. Reste des Frankfurter Archivs, besonders die Bücher und Geschäftsbriefe aus den letzten 10 Jahren vor der Liquidation wurden im Frühjahr 1912 in aller Stille, ohne Berücksichtigung fachmännischer Einreden, nur um Platz zu gewinnen, makuliert. Mit den Archiven der Rothschildhäuser in Wien, Paris und London, die für die spätere Zeit von größerer Bedeutung waren als das Frankfurter, scheint man etwas schonender umgegangen zu sein. Aber auch hier fehlen anscheinend ganze Partien aus wichtigster Zeit, die wesentlichste Aufschlüsse für alle einschlägigen Forschungen geboten hätten. So ist die Forschung vor . allem zur Frühgeschichte des Hauses Rothschild im wesentlichen auf die Unterstützung fremder, vor allem staatlicher Archive angewiesen. Auf diesem Material sind dann auch zur Hauptsache die Bücher von Berghöffer über „Meyer Amschel Rothschild" (Frankfurt a.M. 1924), sowie die des Grafen Conti über den „Aufstieg und die Blütezeit der Rothschilds" (Leipzig 1927 u. 1928) aufgebaut. Alle Zusammenhänge werden aber zweifellos infolge des oben beschriebenen Verlustes an historischem Quellenmaterial nicht aufgeklärt werden können. Daß bei der Zerstörung der Rothschildschen Scripturen wahrscheinlich auch eine Menge von Materialien zugrunde gingen, die die besonderen jüdischen, speziell philanthropischen Beziehungen dieses Hauses betrafen, ist wohl als sicher anzunehmen. 279

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