Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 4
- Article
- Michael Scheuer
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 278 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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der Einfluß der vergnügungssüchtigen pfälzischen Umgebung berücksichtigt werden müßte, so hätte er bei sorgfältiger Durchsicht meines Artikels gefunden, daß ich dieses Moment selbst angeführt habe (vgl. Jahrg. I, S. 325*. Meine Bemerkung über das Schwinden der Sittlichkeit im Zusammenhang mit den Zeiterscheinungen sucht er durch die Statistik zu widerlegen. Er gibt an, daß auch schon früher, im Verlaufe des 18. Jahrhunderts, bei einer Bevölkerung von 200 Familien 40 außereheliche Geburten vorkamen, und stellt mit Befriedigung fest, daß unter den Vätern der außerehelichen Kinder auch der Sohn eines Oberrabbiners war und ein junger Mann, der sich zum Talmudstudium hier aufhielt. Um diese statistischen Angaben wissenschaftlich zu verwerten, müßte man die Zahl der ehelichen Geburten in demselben Zeitraum und die entsprechenden Ziffern bei der nichtjüdischen Bevölkerung vergleichsweise heranziehen; für sich sagen diese Zahlen gar nichts. Zu bemerken ist aber, daß während des ganzen 18. Jahrhunderts ständig 10 Rabbiner an der Claus waren, in diesem ganzen Zeitraum also mit den Stadtrabbinern zusammen etwa 50, denen, da man damals das Ein- und Zweikindersystem noch nicht kannte, auch eine große Anzahl von Kindern zuzusprechen ist. Die Zahl der Schüler des Bethhamidrasch kann, da sich oft Hunderte gleichzeitig hier aufhielten, auf Tausende beziffert werden. Wenn nun bei diesen Zahlen im Verlaufe von 100 Jahren bei dem Sohn eines Rabbiners und bei einem Talmudbeflissenen ein Fehltritt zu registrieren ist, so bedeutet das für den Stand der Sittlichkeit in diesen Kreisen ein Ehrenzeugnis, wie es schöner nicht gegeben werden kann. Besonders scheint Rosenthal die Bemerkung irritiert zu haben, daß die Verbreitung der neuen Ideen den jüdischen Charakter der Gemeinde sehr ungünstig beeinflußt und die darauf folgende Generation dem Judentum mehr und mehr entfremdet hat. Er setzt dagegen als Ergebnis seiner Forschungen, „daß noch zu keiner Zeit ein regeres und tiefgründigeres jüdisches Leben in Mannheim pulsierte als in jenen Jahren, da der Kampf um die bürgerliche Gleichberechtigung und um die Durchführung zeitgemäßer Reformen die ganze Gemeinde durchbebte und in ihren Grundfesten erschütterte". Es will mir scheinen, daß zwischen unserer Auffassung über jüdisches Leben ein unüberbrückbarer Gegensatz besteht. Ich verstehe unter jüdischem Leben das theoretische und praktische Interesse am Judentum als Religion, die allgemeine intensive Beschäftigung mit dem jüdischen Schrifttum und die dadurch herbeigeführte Entstehung großer Literaturwerke von bleibendem Wert. Ich betrachte deshalb das Aufhören der Jeschiwa in der Claus- Stiftung (nach 1836), die in großem Umfang sich ausbreitende Sabbathentweihung, den erschreckenden Rückgang in der Kenntnis der jüdischen Literatur (in den öffentlichen Schulen wurde Jahrzehnte hindurch kein Hebräisch gelehrt, sodaß ein sehr erheblicher Teil der Jugend ohne jede Kenntnis des Hebräischen aufwuchs) als Zeichen der Entfremdung vom Judentum. Rosenthal aber sieht als Zeichen eines besonders „regen und tiefgründigen jüdischen Lebens" die Reformstreitigkeiten und den Kampf um die Emanzipation an und nennt die Denkschriften des Dr. Leopold Ladenburg „eine jüdische Großtat". Die Vorkämpfer der Emanzipation haben gewiß eine wichtige Aufgabe erfüllt, aber ihr Wirken galt mehr der politischen und sozialen Stellung der Juden. Daß sie, bei aller Anerkennung ihrer selbstlosen und opferwilligen Tätigkeit, das Judentum als Religion, als Erscheinung in der Geistesgeschichte der Menschheit gegefördert hätten, kann man von ihnen ebensowenig behaupten wie von den Schtadlanim der früheren Epoche, so notwendig und segensreich das Wirken auch dieser Männer gewesen ist. Die Tatsache aber, daß von den Familien, die in dieser Zeit der Kämpfe um die Kultusreform und um die bürgerliche Gleichstellung in der Gemeinde tonangebend und im Synagogenrat vertreten waren, die Nachkommen zum großen Teil aus dem Judentum verschwunden sind, dürfte am klarsten die im 19. Jahrhundert eingetretene Entfremdung vom Judentum belegen, und sie durfte für jeden objektiven historischen Forscher als vollgültiger Beweis für mein Werturteil anzusehen 278