Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 4
- Article
- Aschkenasische Handschriften
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 276 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Es ist ohne Zweifel von Interesse, Herkunftsort und -zeit einer Handschrift genau festzulegen. Nicht nur im Hinblick auf das betreffende Manuskript selbst, das uns dann mitunter wertvolle geschichtliche Aufschlüsse gibt, sondern auch in Hinsicht auf die verschiedenen jüdischen Gruppen, denen die Handschriften zuzurechnen sind. Dies gilt sowohl für Originale als auch für Abschriften. Beide helfen uns, das kultur- und literaturgeschichtliche Bild einer Gruppe zu zeichnen. Die große Anzahl der als deutsch bezeichneten Handschriften wäre also eine für den Erforscher der deutschjüdischen Geschichte sehr erfreuliche Tatsache, wenn alle diese Manuskripte auch wirklich deutsch, d.h. richtig bestimmt wären. Bei der Untersuchung dieses Gegenstandes ergibt sich aber die Antwort, daß dies durchaus nicht der Fall ist. Jüdische Paläographie ist eine Wissenschaft, die noch gar nicht existiert. Es gibt keine Spezialarbeiten und demgemäß auch keine zusammenfassenden Werke darüber. Bernheimers Buch ist nur ein Ansatz, insbesondere was das Wichtigste — die Schrift — betrifft. Selbst an verstreuten Notizen in Handschriftenkatalogen und an andern Stellen gibt es sehr wenig. So ist es kein Wunder, daß die undatierten Handschriften nach Alter und Herkunft so oft irrig bestimmt sind. Es sind oft geradezu unglaubliche Fehler, die da dem Leser vorgelegt werden, ohne daß es je jemand bemerkt. Die Bearbeiter der Handschriftenkataloge müssen sich um den Inhalt der Manuskripte kümmern und können nur aus praktischer Erfahrung heraus Zeit und Herkunft undatierter Handschriften bestimmen, kommen daher in ungezählten Fällen zu ganz falschen Ergebnissen. Was im besonderen den deutschen Schrifttypus betrifft, so wird er sehr oft mit dem italienischen verwechselt. Eine Scheidung vom französischen Typus ist nirgends versucht worden. Mit gutem Grunde. Denn mit den bisherigen Mitteln war es ganz unmöglich. So gab man sich mit der Bestimmung „französisch-deutsch" zufrieden, abgesehen von der noch unzureichenderen Festlegung als „deutsch", bei der man ja an die Möglichkeit einer französischen Herkunft gar nicht zu denken braucht. Nun sind der französische und der deutsche Schrifttyp wirklich ganz besonders ähnlich. Wir haben hier einen Beweis dafür, daß — was neuerdings angezweifelt wurde — die Einwanderung der Juden nach Deutschland zumindest der Hauptsache nach aus dem Westen erfolgte. Soweit ich die beiden Typen zurückverfolgen konnte, standen sie sich immer ganz nahe und hoben sich deutlich vom italienischen und vom sefardischen ab. Wir haben hier, in der jüdischen Schriftgeschichte, einen Weg, der einiges Licht auf die Siedlungsgeschichte der Juden und insbesondere auf die dunklen Gebiete der jüdischen Frühgeschichte in Europa werfen wird, sobald er benutzt werden kann. Dazu ist eine systematische Erforschung der jüdischen Schriftentwicklung notwendig. Einen Abschnitt daraus, den, der die nordjüdischen Kursivschriften betrifft, habe ich bearbeitet. Das Ergebnis gestattet mir, ein undatiertes Manuskript nach Alter, Herkunft und Schriftgattung ganz genau zu bestimmen. Nordjüdisch umfaßt den zorfatischen und aschkenasischen Typ. Diese Namen sind mit Rücksicht auf die spezifisch jüdischen Kulturgebeite gewählt. Zum Zorfatischen gehört außer der nordfranzösischen auch die (einstige) jüdische Gruppe Englands, zum Aschkenasischen außer der deutschen auch die osteuropäische und lombardische Gruppe. Im folgendem sei eine kleine Anzahl von Fehlbestimmungen und ihre Richtigstellung gegeben. Abgesehen von den uns hier besonders interessierenden deutschen oder angeblich deutschen Handschriften sind auch solche aus andern Typen aufgenommen. Die erste Rubrik bringt die Katalognummer der Handschrift, die zweite die Angabe des Bearbeiters über Herkunft, Alter oder Schriftgattung, die dritte meine Berichtigung. Berlin, Staatsbibl. 65 deutsch italienisch 127 deutsch orientalisch ca. 1100 (nach nicht später Lagarde) als lO.Jahrhundert 223 deutsch zorfatisch Dijon (REJ 8, p. 161) B. 10.410 Raschi Kursive 276