Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 4
- Article
- Hebraica aus Stammbüchern des 18. Jahrhunderts
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 264 (sequence 2)
- Language
- German
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Dies Stammbuch, eines der wertvollsten Dokumente der Linelsammlung, enthält unter dem Datum vom 16. Dezember 1783 die in hebräischen Druckbuchstaben geschriebenen Worte: „Er liebt die Wahrheit und den Frieden", die Moses Mendelssohn eintrug und unterzeichnete. Hier ist Mendelssohns eigene Persönlichkeit auf die kürzeste Formel gebracht; denn sein Streben zielte zeitlebens auf Wahrheit, die er durch Rechtlichkeit des Denkens und Handelns, durch Wahrhaftigkeit seiner selbst zu gewinnen suchte. Doch war er — hierin seinem Freunde Lessing unähnlich — keine Kämpfernatur, sondern ein Mann des Friedens. Jedem heftigen Disputieren abhold, schlichtete er Streitigkeiten gerne mit dem Hinweis, daß es im Grunde nur Wort-, nicht Sinnverschiedenheiten seien, da es nur einen, stets gleichen Sinn gebe, dessen Fassungen zwar vielfache, doch dessen Wesenheit ewig eine sei. Denn die Wahrheit, nach welcher Mendelssohn strebte und auf welcher seine Weisheit beruhte, war das Göttliche. Auch ein zweites Blatt Moses Mendelssohns, aus dem Stammbuche des protestantischen Theologen Philipp Heinrich Christian Giseke verdeutlicht durch die Wahl der Worte den Charakter des edlen Weisen. Am 30. Juni 1774 schrieb der zur Kur in Bad Pyrmont Weilende die Worte nieder: „Gradheit und Rechtlichkeit mögen Dich schützen Zum Andenken geschrieben von Moses. Sohn des Rabbi Menachem." Dieser wiederum in hebräischer Sprache abgefaßte Eintrag des jüdischen Denkers in das Buch des christlichen Gottesgelehrten wirkt fast wie eine lebendige Illustration zu Nathans Erzählung von den drei Ringen, kommen die Worte doch aus der Tiefe der allen Religionen innewohnenden Religiosität und haben sie doch gleiche Bedeutung für jeden. Auch die Unterschrift des Blattes ist belangvoll. Wenn Giseke ein jüngerer Bruder des Dichters Nikolaus Dietrich Giseke ist, dann hat Mendelssohn dem Sohn des Pastors Giseke vielleicht bewußt als Sohn des Rabbi Menachem unterschrieben. Leider läßt sich über den Inhaber dieses außerordentlich interessanten Stammbuches wenig mehr aussagen, als daß er, aus Braunschweig stam- 264 mend, im Jahre 1752 als Student der Theologie die Universität Helmstedt besucht, später in Halle Göttingen und Jena hörte und offenbar dort die Magisterwürde erlangte. Nach Beendigung seiner Studien blieb das Stammbuch eine Reihe von Jahren unbenutzt, und erst die Jahre 1772/75 bringen wieder zahlreiche Namenszüge bekannter Gelehrter und Theologen. Nach einer neuerlichen jahrelangen Pause folgen im Sommer 1787 die letzten Eintragungen, in Helmstedt, dem Orte niedergeschrieben, mit welchem dies Stammbuch im Jahre 1752 begann. Da sich unter dem Namen eine große Zahl von für die alttestamentarische Wissenschaft verdienstvollen Männern findet, mag ein kurzer Ueberblick folgen, der zugleich die Wesensart der deutschen Gelehrsamkeit des 18. Jahrhunderts veranschaulicht, vor allem auch zeigt, wie verbreitet in den Kreisen der protestantischen Theologie die Kenntnis des Hebräischen damals war. Im Jahre 1752 trugen sich in Helmstedt, der hervorragenden und durch ihre Toleranz bekannten protestantischen Universität, die Theologen Christian Timotheus Seidel und Johann Ernst Schubert, ein. Letzterer, der sich bei der Studentenschaft größter Beliebtheit erfreute, wurde durch den wissenschaftlichen Streit mit seinem Kollegen Ernst August Bertling, dem Freunde Justus Mosers, berühmt. Auch Bertling schrieb sich ein und gab Giseke in hebräischer Sprache Worte des alten Testamentes mit. Ebenso bediente sich der Theologe und Orientalist, der spätere Abt des Klosters Michaelstein, Anton Julius von der Hardt, bei seinem Eintrag des Hebräischen. Der kenntnisreiche Kirchenhistoriker Johann Georg Pertsch und sein Kollege Franz Dominik Häberlin, der Günstling des Braunschweigischen Hofes, gaben lateinische Sentenzen, ebenso der Philosoph und Mathematiker Johann Nikolaus Frobesius, bei welchem unser Student Logik und Metaphysik hörte. Der Osnabrücker Historiker Carl Gerhard Wilhelm Lodtmann und der Philosoph Franz Ignatz Rothischer, der nach langjährigen Zweifehi an dem katholischen Glauben, dem er als Priester gedient hatte, durch seinen Uebertritt zum Pro-