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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1931-01-01 · Heft 4 · p. Seite 263

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1931
Issue
Heft 4
Article
Hebraica aus Stammbüchern des 18. Jahrhunderts
Date
1931-01-01
Page
Seite 263 (sequence 1)
Language
German
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Miszellen tiebraica aus Stammbüchern des IS. Jahrhunderts. Von Maria Lanckorönska. Die kostbare und überaus reizvolle Sammlung alter Stammbücher, welche die Linel-Sammlung für Buch- und Schriftkunst in Frankfurt a. M. bewahrt, umfaßt unter ihren Schätzen zahlreiche Eintragungen und handschriftliche Namenszüge von Männern, die für das Judentum bedeutungsvoll sind. War der Brauch des Stammbuches ursprünglich eine Angelegenheit des Adels, der Wappen, Wahlspruch und Namen dem Besitzer, meist einem reisenden jungen Edelmanne, zum Gedächtnis mitgab, so übertrug er sich etwa um die Mitte des 17. Jahrhunderts auch auf den Bürgerstand. Im 18. Jahrhundert brachte die Gewohnheit, sich den Namen des Gelehrten eintragen zulassen, bei welchem man als mehr oder minder fleißiger Schüler sich um eigene Gelehrsamkeit bemüht hatte, die Mode des Studentenstammbuches. Nicht nur Lehrern und Professoren, auch Freunden und Gönnern wurde das Buch vom Besitzer mit der Bitte vorgelegt: „Ich muß Euch noch mein Stammbuch überreichen, gönn Eure Gunst mir dieses Zeichen". Später, ausgangs des 18. Jahrhunderts und vor allem in den überschwenglichen Zeiten der Romantik, artete die Sitte in jene sentimentale Gewohnheit aus, deren letzte Erscheinungsform das Poesiealbum der höheren Tochter ist. Doch im 18. Jahrhundert war man hiervon noch weit entfernt; klingen auch die lobenden und ehrerbietigen Widmungsworte der Eintragenden oft schwülstig und übertrieben, so ist dies kein Ausdruck hemmungsloser Gefühlsseligkeit, vielmehr der Nachklang höfischer Redeweise, wie er sich auch in Zueignungen und Widmungen innerhalb der Literatur der Zeit spiegelt. Die Eintragungen selbst, meist Sentenzen aus Schriftstellern des klassischen Altertums oder Bibelstellen, lassen häufig Rückschlüsse auf den Charakter des Schreibers zu; braucht dieser doch eine solche Stelle gern als Wahlspruch, wie die Tatsache beweist, daß er die gleichen Worte den verschiedensten Stammbuchinhabern einschrieb. Verwendet der Gelehrte die Sentenz als Devise, so gibt der Weise und der Dichter den intuitiven Einfall, der wiederum als Material zur Charakteristik des Schreibers dienen kann. In dieser Unterschiedlichkeit von feststehendem Spruch und individuell gewähltem und gegebenem Wort läßt sich die Verschiedenheit der Mentalität des Gelehrten und des Künstlers begreifen; auch verdeutlicht die stereotype Formel der Einträge von Vertretern der Wissenschaft, wie sehr hier nur dem Brauche Rechnung getragen wurde, ohne daß eine persönliche Beziehung zum Besitzer des Buches vorliegen mußte. So wirken viele dieser Blätter ledigüch wie die Bescheinigung des Professors, daß der Schüler seine Kollegien besucht hat. Aehnlich konventionell sind zuweilen auch die Einträge berühmter Männer der Zeit, da der mit Empfehlungsschreiben versehene angehende Gelehrte des 18. Jahrhunderts, wenn er in eine fremde Stadt kam, dessen große Geister aufsuchte und ihnen sein Buch präsentierte. Daß eine gewisse Sucht, recht viel berühmte Namen in dem Bande zu vereinigen, mitgesprochen haben mag, ist wahrscheinlich; denn obwohl die Besten der Zeit sich eintrugen, ist über den Inhaber eines solchen Bandes häufig nichts zu ermitteln, da er für die Nachwelt ohne Bedeutung blieb. So lassen sich die Lebensumstände eines gewissen Herrn von Brack, in dessen Buch sich Goethe, Herder und Wieland einschrieben, nicht anders denn an Hand seines Stammbuches feststellen. Aus diesem geht hervor, daß Brack ein Jünger der Musen war, der, unter einem unglücklichen Schicksale leidend, in Italien Trost finden sollte, daß er sich zuvor in Mannheim, Göttingen, Dessau, Weimar, Berlin, Leipzig und Dresden aufhielt. Möglicherweise begleitete er als Hofmeister einen vornehmen Jüngling auf dessen Reisen. Die Eintragungen umfassen die Jahre 1782/84 und weisen häufig neben dem Namenszug einen dichterischen oder zeichnerischen Beitrag auf. 263

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