Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 149 (sequence 2)
- Language
- German
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leitung sich ausdrückt, „der geistige Ring gesprengt, der die mittelalterliche Menschheit umfaßt und eingeengt hatte". „Läge nicht, fügt er sehr richtig hinzu, in dieser Tat das Entscheidende für alles Weitere, so würde man Luther kaum an den Anfang einer Zeit setzen dürfen". Im Zeitalter der Gegenreformation sodann erhob sich nach Erich Mareks' poetischen Worten „zwischen Altem und Neuem ein Kampf der Riesen". „Die Großmächte führten ihren Streit um die Macht weiter..., aber ihr Machtstreit war ganz durch- irungen mit der Religion. Innerhalb der Staaten rangen renaissancelich-neuzeitliche und mittelalterliche Gewalten miteinander. Monarchie und Aristokratie ..., auch ihr Ringen war durchflochten mit der Religion. Ueber die staatlichen Gegensätze, die Gegensätze der europäischen Macht und der inneren Verfassung, über die Landesgrenzen hinweg, über den Drang der starken und selbstherrlichen Einzelnen hinweg, die das wirre Zeitalter stürmisch emportrieb, herrschte die Idee dieser Zeit, die religiös-politische." Im Rahmen dieses Gesamtbildes scheint für Daten, welche die Juden betreffen, wenig Raum zu sein. Indessen ist es bemerkenswert, daß gleich zu Anfang des ersten Abschnittes einer Angelegenheit gedacht werden mußte, in der die Juden eine, wenngleich nur passive Rolle spielten. Es ist der Kampf Johann Reuchlins um die Bücher der Juden. Hier genüge es, Joachimsens Worte anzuführen: „Ob man den Juden, wie ihr Ankläger Pfefferkorn forderte, ihre heiligen Bücher wegnehmen und verbrennen, oder sie, wie Reuchlins Gutachten wünschte, zum Studium des Hebräischen an den Universitäten verwenden wollte, das war doch nicht mehr als eine Gelehrtenfrage, Reuchlin war alles weniger als ein Kämpfer. Aber wesentlich wird, daß der Streit, nachdem er als Rechtshandel von Reuchlin 1514 halb gewonnen ist, nun auf das literarische Gebiet zurückkehrt und sich zu einer großen Auseinandersetzung der beiden Richtungen, des deutschen Humanismus mit der alten scholastischen Bildung gestaltet. Das ist die Bedeutung der Dunkelmännerbriefe." Man ist versucht, eine Parallele zwischen Reuchlin und Luther in ihrem Verhalten gegenüber den Juden zu ziehen. Wie man weiß, hat Luther 1523 in seiner kleinen Schrift: „Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei" sich entschieden gegen die verächtliche Behandlung der Juden ausgesprochen. Er riet, das Gesetz der christlichen Liebe an ihnen zu üben, sie nicht durch Ausschluß von bürgerlichen Gewerben zum Wucher zu treiben und sie durch freundliche Behandlung für den evangelischen Glauben zu gewinnen. In scharfem Gegensatz dazu standen später seine Schriften: „Wider die Sabather" aus dem Jahr 1538 und „Von den Juden und ihren Lügen" aus dem Jahre 1542. Hier kommt, wie selbst sein zur Milde geneigter Biograph Julius Köstlin zugesteht, „eine im Volk verbreitete Erbitterung, die sich keine Schranken zu setzen pflegte", zum Ausdruck. Diese Schriften haben denn auch neben einigen anderen ähnlichen Kalibers dem Antisemitismus zur erwünschten Fundgrube gedient. Der Erzähler des großen deutschen Bauernkriegs hätte erwähnen können, daß sich hie und da die entfesselte Leidenschaft der anderen Stände in Stadt und Land gegen die Juden richtete, die dem kleinen Mann besonders wegen der Wuchergeschäfte verhaßt waren, und daß ein schlichter Mann, Jogelmann v. Rosheim, durch seine Verhandlungen mit den Bauern die Juden vor der Vernichtung rettete. Auch wäre in diesem Zusammenhang der Tatsache zu gedenken, daß Gabriel Salamanca, der als „Generalschatzmeister" Erzherzog Ferdinands damals allgemein verhaßt war, fälschlich jüdischer Herkunft geziehen wurde (s. die Arbeiten des Unterzeichneten „Die Juden im großen Bauernkrieg" in Abraham Geigers „Jüdischer Zeitschrift für Wissenschaft und Leben" 1870, VIII, und „Gabriel Salamanca Grat von Ortenburg" in der Historischen Zeitschrift CXXX1, 1925). Vereinzelte Notizen, die für jüdische Dinge in Betracht kämen, finden sich in dem vorliegenden Band zerstreut. So heißt es S. 154 bei einem Bück auf den Zustand der Niederlande unter Karl V.: „Der lebhafte Handelsverkehr, die Durchsetzung der Hafenstädte mit Fremden, unter denen die Marranen, getaufte spanische Juden, ihre Rolle spielten, machte eine wirkliche Abschließung der Länder, wie 149