Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1
- Article
- Dubnows "Weltgeschichte des Jüdischen Volkes"
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
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Hanns Reißner. Dubnows „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" Zionismus könne daher im nationalen Programm nur „ein Punkt neben anderen"93) sein. Prinzip der inneren Autonomie müsse sein die Gemeindeselbstverwaltung und die Unabhängigkeit der kulturellen und sonstigen öffentlichen Institutionen94). Der Bürgertyp, der ihm als Ziel vorschwebte, waren „nicht etwa als Nationalrussen vermummte Juden, sondern . . . russische Bürger jüdischer Nationalität"95). Es mag dahingestellt bleiben, daß ja das Interesse des Ständestaates, der die Juden korporativ organisierte, an der jüdischen Solidarität in erster Linie ein steuerliches war, und daß von jüdischer Seite selbst vielfach die Beseitigung der kollektiven Steuerhaft drinL gendst gewünscht wurde. Dubnow hat jedenfalls recht, darauf hinzuweisen, daß das Judentum weder im individualistischen noch im territorialen Sinne, weder zugunsten des Einzelmenschen noch zugunsten einer Landeskirche zu begrenzen sei. Er würde mit der Westjudenheit viel schneller zu einer Verständigung über seine wissen«- schaftlichen Thesen gelangen, wenn er sich nicht mit der geistigen Starrheit des osteuropäischen Menschen in Worte verbisse, die noch nicht einmal den wirklichen Inhalt der gemeinten Vorstellungen zu fassen vermögen. Wenn anders es ein Gesamtjudentum gibt, haben auch die Westjuden Anspruch auf „Autonomie" im Rahmen des Ganzen, und niemand darf sie zwingen wollen, sich wider besseres Gewissen an die Ostjudenheit zu „assimilieren". Warum also alle sich neuerlich knüpfenden Fäden des Verstehens vorzeitig unerträg<- lich anspannen, indem der Historiker eine „Macht der geschichtlichen Evolution" vorwegnimmt, „die die Irrenden dieser Zeit vom anatiqnalen Judentum über die Anerkennung seines internationalen Charakters zum Nationaljudentum"96) führt? Aber vielleicht ist es, indem wir über Begriffe streiten, höherer Wille, daß die wahre Wirk<- lichkeit des Judentums unter dem Decknamen unausgesprochen bleiben soll, daß sie mit dem Gefühl zu erfahren, doch vom Verstände nicht zu fassen ist — wie Gott, dessen Namen unter seinem Deckanruf unausgesprochen bleibt . . . Man müßte Dubnows Werk hebräisch lesen, damit sich der ganze Reichtum seiner Bildung vollauf zu entfalten vermag. Die deutsche Uebersetzung mutet vielfach unverdient nüchtern an, weil der Verfasser in seiner Wortwahl und seinem Stil ganz in dem Gedankengut einer dreitausendjährigen Literatur lebt und schafft, deren Zusammenhänge ohne näheren Hinweis dem deutschen Leser überhaupt nicht zu Bewußtsein kommen. Er liest zum Beispiel, wie es Moses Mendelssohn von Dessau nach Berlin, dem Quell des lebendigen Wissens97), zieht. Kennt er die Welt jüdischer Begriffe nicht sehr genau, so wird ihn eine solche Allegorie befremden, und er wird unbefangen meinen, daß Dubnow, verglichen mit Ranke, nur über 93) X, 348. 9*) X, 388. 95) VIII, 79. 96) IX, 460. 9') VII, 359. 14