Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 2
- Article
- Wachstein - Taglicht - Kristianpoller
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 171 (sequence 2)
- Language
- German
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sehen Schrifttums zu bieten", wäre auch ohne Wachsteins historische Einleitung erfüllt gewesen. Das aber ist gerade das bemerkenswerte an solchen darstellenden Einleitungen, daß ihr Motor nicht die oft so nüchterne sachliche Aufgabe ist, sondern das persönliche Bedürfnis des Herausgebers, die Einzelkenntnisse, wie sie die Quellen vermitteln, zu wirklicher Wissenschaft zusammenzuschließen. Wachsteins Einleitung zur vorliegenden Publikation ist ganz erfüllt vom Historisch-Inhaltlichen, und umsoweniger kann sie als ein sachliches Erfordernis für diese technische Publikation, umso stärker muß sie als ein „Uebriges" bewertet werden, als ein Zeugnis persönlichen Verhältnisses zum Stoffgebiet, das durch die notwendig trockene bibliographische Bearbeitung nicht befriedigt ist. Diese persönliche Grundlage ist es, die dieser Einleitung einen so vollen Klang verleiht. Diese Klangfülle glauben wir z. B. herauszuhören aus einer Fülle wichtiger Einzelfeststellungen, so etwa der klaren Gegenüberstellung der Charaktere des Isak Samuel Reggio und des Luzatto. Solche Feststellungen sind literargeschichtlich wertvoll, und man findet manches dieser Art in Wachsteins Arbeit. Das alles beweist die Vertrautheit des Verfassers auch mit den Inhalten des bibliographisch bearbeiteten Materials, ist aber doch noch nicht mehr als ein Nebenprodukt einer wirklich sorgfältigen Durcharbeitung, deren letzte Ergebnisse nur durch die Berücksichtigung der Inhalte gewonnen werden können. Darum zeugen diese Feststellungen wohl für die aufgewandte Sorgfalt, aber sie machen doch nicht das aus, was wir als das Wertvollste an dieser Arbeit empfinden. Dies scheint uns vielmehr in dem Umstand zu liegen, daß der Verfasser über die feststellende und vergleichende Registrierung hinaus dazu vordringt, die geistesgeschichtliche Entwicklung aufzuzeigen. Vorbereitet ist das bis zu gewissem Grade schon in «der bereits erwähnten Einteilung des Werks, denn schon in ihr liegt die geistesgeschichtliche Konzeption der Arbeit angedeutet. Daß sie aber entsprechend dieser ihrer Anlage auch gediehen ist, das erweist sich u. a. etwa an der Darstellung der Entwicklung der Haskalah. Hier rührt der Verfasser mit größter Zurückhaltung und doch aller erforderlichen Klarheit an das zentrale Problem der jüdischen Geistesentwicklung im 19. Jahrhundert, wie sie sich bei den Judenheiten aller europäischen Länder zeigt, wohl verschieden im Tempo und den Realitäten der Einzelerscheinung, aber gleichartig hinsichtlich des Ausgangspunkts der Entwicklung, ihrer Richtung und ihrer Zwangsläufigkeit. Der Zielpunkt dieser Entwicklung ist noch nicht erreicht, vielmehr streiten über das Ziel noch heute die Politiker und die Parteien. Die noch immer gegenwärtige politische Lebendigkeit der Probleme, um die die Haskalah kreiste, ist eine Probe aufs Exempel für die wissenschaftliche Lebendigkeit des von Wachstein Geschauten. Wie diese Einleitung Wachsteins unter die entscheidenden geschichtlichen Gesichtspunkte gestellt ist, das ist in doppeltem Sinne eine Mahnung, Es erinnert daran, wie falsch die heute so weit verbreitete Auffassung von der Gegensätzlichkeit intuitiver und fachwissenschaftlicher Arbeitsweise ist. Immer wieder erscheinen Schriften, die deren wechselseitige Bedingnis an sich selbst erweisen. Wir sehen uns aber durch Wachstein noch an ein Zweites erinnert: Es beginnt möglich zu werden, die Entwicklung des jüdischen Lebens im 19. Jahrhundert wissenschaftlich darzutun. Der Zugang zu diesen Verschlungenheiten möchte für unsere Generation am leichtesten zu finden sein, leichter als unseren Vätern, deren Maßstäbe in einer einfacheren Welt einfacher geblieben waren, aber vermutlich auch leichter als unseren Kindern, deren Welt nach den phantastischen Ereignissen der letzten 20 Jahre auch wieder in ruhigeren Zustand zu gelangen scheint. Für die dringende und weittragende Aufgabe, die vielfältigen Wege des Judentums im 19. Jahrhundert genetisch darzustellen, ist die vorliegende Publikation ein wertvolles Hilfsmittel und Wachsteins Einleitung recht eigentlich ein Auftakt St raus. 171