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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 205

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1929-1930
Issue
Heft 3
Article
Moses Mendelssohn und die religiösen Gestaltungen des Judentums im 19. Jahrhundert
Date
1929-01-01
Page
Seite 205 (sequence 5)
Language
German
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Max Wiener. Moses Mendelssohn und die religiösen Oestaltungen des Judentums im IQ. Jahrhundert das Neue Testament sie enthalte, als praktisch unwirksame Sentiments zurück2). Dabei ist es von besonderer Wichtigkeit, im Auge zu behalten, daß hier kaum ernstlich der Versuch gemacht wird, der oftmals im alten Rabbinismus auftauchte und mit Vorliebe von der Neo-Orthodoxie wiederholt wird, die Sonderheit der jüdischen Satzungen ethisch auszulegen oder gar als den besten, den kürzesten Weg zur Erlangung sittlicher Vollkommenheit hinzustellen. Das geoffenbarte Gesetz ist vielmehr für „unsere Nation" allein verbindlich, wie er meint3). Man darf es auch seinem begeisterten Vernunftglauben ohne Vorbehalt zutrauen, daß „die besten Christen und die besten Juden", in deren Dasein und Wirken sich die gottgewollte Glückseligkeit des Menschengeschlechtes erfülle, einander in Hinsicht der moralischen Rangordnung nichts nachgeben 4). Es wird also das, was den Juden zum Juden macht, nämlich das Leben gemäß dem unverbrüchlichen Gottesgesetz, auf keinen übergreifenden alle Menschen in gleicher Weise angehenden Wert bezogen. Und so kann man der Folgerung nicht entgehen, daß gerade die Besonderheit nationaler Eingrenzung als der unverwischbare Bestand im Charakter des Judentums erscheint. Dabei spielt es keine Rolle, worin gelegentlich der ursprüngliche Sinn dieser Offenbarung erblickt wird, daß nämlich das Zeremoniell seine Beobachter möglichst fern von bildhafter Vergegenständlichung des Uebersinnlichen halten und sie so vor Götzendienst bewahren solle5). Denn Mendelssohn will ja keineswegs, selbst bei Fortfall solchen noch geltenden Sinnes der Gesetze, diese abgeschafft wissen, wie es ihm auch nicht einfällt, seine gebildeten Zeitgenossen christlichen Glaubens heidnischer Anwandlungen zu zeihen. Gewiß spricht er dem Judentum einen Vorzug vor dem Christentum darum zu, weil jenes sich unschwer mit dem Vernunftglauben in Uebereinstimmung bringen lasse, während die christliche Dogmenlehre — namentlich ihr Kernstück, die Christologie — diese Einssetzung hemme. Aber jenseits des dogmenlosen Vernunftglaubens breitet sich für ihn noch lange nicht das Feld heidnischen Bilderdienstes aus. Er kennt sehr wohl die jüdisqhen Versuche, die Religion in Lehrsätze einzufangen und die Glaubensgenossen auf deren Autorität zu beeidigen. Wenn das den Maimuni, Albo, Kreskas niqht gelungen ist, wie er annimmt, so spielt dabei die Frage, ob ihre Formulierungen von „der Vernunft" für riqhtig oder falsch befunden wurden, eine sehr geringe Rolle, wenn sie siqh auch untereinander widersprachen. Das wesentliche ist vielmehr, daß dem Judentum gesetzerfüllendes Leben, niqht Metaphysik zugrunde liegt6). Ueberhaupt ist dieser ganze Kampf gegen das Dogma wesentlich aus dem Gegensatz gegen eine gewisse Art von spekulativer Metaphysik her zu verstehen. Ihm liegt einmal das Bestreben am Herzen, 2) a. a. O. III, 160. 3) Schreiben an Lavater III, 42 ff. *) a. a. O. III, 70. 5) Jerusalem III, 340 ff. 6) a. a. O. III, 322 f. 205

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