Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 204

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1929-1930
Issue
Heft 3
Article
Moses Mendelssohn und die religiösen Gestaltungen des Judentums im 19. Jahrhundert
Date
1929-01-01
Page
Seite 204 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2259275-2259276-2259280-2260012--2598-2260066
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Max Wiener. Moses Mendelssohn und die religiösen Gestaltungen des Judentums im 19. Jahrhundert zusetzen ist, die Aufgabe, nicht gegen das positive Dogma schlechthin sich geltend zu machen, sondern allein als Gegengift gegen einen überspitzten Dogmatismus zu wirken. Ascher hat gewiß mit seiner Verdächtigng Mendelssohns diesem Unrecht getan,und zwar nicht bloß seiner Persönlichkeit,sondern auch seinem System. Aber eins war doch richtig empfunden, und das ist der Grund, weswegen wir ihn hier hervorholen. In dieser Kritik fällt zum ersten Male Licht auf die Vieldeutigkeit von Mendelssohns Lehre. Was ist ihr Kernstück? Der Dualismus von Religionsglauben und -Gesetz. Diese Auffassung ist gewiß schief und formt aus ganz subjektiver Stimmung heraus das Urteil. Aber in dieser falschen Auslegung bewegt sich in nuce die Mannigfaltigkeit, welche dem deutschen Judentum des 19. Jahrhunderts die Lebendigkeit seiner Richtungen gegeben hat. Die Vieldeutigkeit unseres modernen Judentums kann in Mendelssohn zwar nicht historisch, aber wenn man so sagen darf, ideell ihren Ursprung sehen. Denn die religiösen wie die nationalen, die orthodoxen wie die liberalen Auffassungsmöglichkeiten, in die sich das Gesamtbewußtsein zerlegt, stecken ersichtlich in den Mendelssohnschen Anschauungen vorgedeutet und eingetragen. Daß er überall von der Nation der Juden redet, das Sonderdasein seines Stammes als eine lebendige und konkrete Tatsache hinnimmt, will weiter nichts besagen. Die politische und soziale Eingliederung in die Umwelt stand auch in den letzten Zeiten des Ghettos noch weit im Felde. Vielmehr ist es gerade die religiöse Beleuchtung, die ihm das Judentum als eine in sich geschlossene nationale Größe erscheinen läßt. Zeremoniell und Ritus machen seine Eigenart aus. Sie sind ihm in positiver übernatürlicher Offenbarung kundgetan worden. So taucht hier das Argument wieder auf, welches das rabbinisch-talmudische Judentum und insbesondere ein so dezidiert jüdischer Denker wie Jehuda Halevi als das Fundament der religiös-nationalen Existenz ihres Volkes immer in den Vordergrund gesetzt, daß die von der gesamten Volksgemeinde am Sinai angenommene göttliche Offenbarung für alle Zukunft das verpflichtende Grundgesetz Israels sei. Er will von keiner Bekehrung etwas wissen, aber nicht bloß von keiner aus dem Judentum hinaus, sondern ebensowenig von einer ins Judentum hinein. Er verwahrt sich in der Uebersetzung von Manasse ben Israels „Rettung der Juden" aufs förmlichste dagegen, daß die Juden für die Bekehrung der anderen Nationen beteten. Um Bekehrung würde, wie er sarkastisch hinzufügt, ja auch bei jedem Autodafe gefleht. Er hält die Abschaffung wie die Umwandlung des göttlichen Gesetzes, das bis ins kleinste die Lebensverfassung der Juden regelt, für unmöglich, es sei denn, daß Gott selber durch eine neue Offenbarung seinen Willen den Kindern so deutlich darlegt, wie einstmals am Sinai den Vätern. Er ist sich nicht nur der absondernden Wirkung des Zeremonialgesetzes bewußt, sondern er sieht darin ein vorgedachtes Mittel der Vorsehung, das Aufgehen der Juden in der sie umringenden Völkerwelt hintanzuhalten. Er weist darum auch symbolische und allegorische Erklärungsversuche zur Lockerung des strengen Gesetzes, wie 204

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.