Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Moses Mendelssohn und die religiösen Gestaltungen des Judentums im 19. Jahrhundert
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 201 (sequence 1)
- Language
- German
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Moses Mendelssohn und die religiösen Gestaltungen des Judentums im 19. Jahrhundert von Max Wiener Moses Mendelssohns in seiner Beziehung zur Ideengeschichte im deutschen Judentum des 19. Jahrhunderts gedenken, heißt sich zunächst einen Begriff von einer recht eigentümlichen geistigen Entwicklung machen. Es handelt sich da um die Aufzeigung der bewegenden Kraft, die in der ursächlichen Verknüpfung innerhalb dieser gedanklichen Gestaltung wirksam ist. Die neue Epoche des jüdischen Geisteslebens war nicht durch eine positive innerjüdische Umwandlung heraufgeführt worden, sondern durch den Einstrom fremder all-europäischer Aufklärungsideen. Und sie blieb auch in ihrem weiteren Verlauf durch das Ringen mit auswärtigen Kräften gekennzeichnet. Hierbei ist es wenig erheblich, ob solche Lebensmächte innerlich angeeignet wurden, oder ob das eingeboren jüdische Selbstbewußtsein gegen ihren Einfluß sich aufbäumte und zu einer vertieften .Erkenntnis seiner selbst gelangte. Damit wird nahegelegt, daß die Verkettung der geistigen Vorgänge und Gestalten weniger den Charakter einer gradlinigen Entwicklung besitzt, die, von innen her getrieben, fortschreitet, als daß sie, von der allgemeinen Bewegung mitgetragen, vornehmlich den Ausdruck einer jüdischen Synthese des jeweiligen Zeitbewußtseins offenbart. Diese Form mag dem jüdischen Geschichtsleben überhaupt zukommen, wenn es sich gegenüber mächtigem Anprall fremder Kultur zu wehren hat, dem es willig oder unwillig seine Seele öffnet. Aber die Einzigartigkeit in der Lage unserer Periode drängt sich doch auf. Denn noch nie zuvor hatte sich das Judentum mit solch wacher Bewußtheit das praktische Problem gestellt, die Kultur der Umwelt in sich aufzunehmen, in ihr politisches, soziales, geistiges Leben einzugehen und dabei doch an seinem Erbgute festzuhalten. Mochte diese Aufgabe lösbar sein oder nicht, jedenfalls zwang sie dazu, stets den Blick auf die Entfaltung des allgemeinen Daseins zu kehren, in dem nun das eigene sich bewegte. Diese Dynamik wird von großer Bedeutung für die innerjüdische Gestaltung. Denn nach ihr ist im allgemeinen der Einfluß abzuschätzen, den hervorragende Persönlichkeiten auf die Nachwelt ausübten. Sie sind mehr die großen Beispiele, stellen die klaren Exponenten jener Einwirkung auf den jüdischen Geist dar, als daß sie die Marken des 201