Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1929-07-01 · Heft 2 (Juli 1929) · p. Seite 172

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1929-1930
Issue
Heft 2 (Juli 1929)
Article
[Rezension]
Date
1929-07-01
Page
Seite 172 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2259275-2259276-2259279-2259859--2537-2259986
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

lieh schlecht beurteilt haben. Neuerdings hat dann noch Kurt Gröba im dritten Bande der schlesischen Lebensbilder (Breslau, Wilhelm Gottlob Korn, 1928) einen kurzen Lebensabriß Koreffs gezeichnet, anläßlich dessen er auch die bisher erschienene Literatur über den interessanten Mann zusammenstellt. So wird man sich heute doch schon ein einigermaßen zutreffendes Bild Koreffs machen können, dessen Hauptlinien wir aufzuzeigen versuchen wollen. Schon der Vater Koreffs, Salomon K., praktizierte in Breslau als Arzt1). Er hatte sich wohl schon frühzeitig aus der religiösen Gemeinschaft des Judentums innerlich gelöst, so daß die Taufe im Jahre 1816 für den Sohn nur eine Konsequenz des väterlichen Milieus war. Nach Absolvierung des Elisabethgymnasiums hatte der Sohn in Halle Medizin studiert und war schon frühzeitig von magnetischen Heilmethoden beeinflußt worden. Die Lehre von F. A. Mesmer war damals außerordentlich in Mode gekommen, und ihr war wohl schon auch der Vater Koreffs anheimgefallen. Schon seine Studentenzeit brachte den jungen Medizinbeflissenen mit den schöngeistigen Kreisen Berlins in Berührung, in denen bekanntlich Juden und Hugenotten eine hervorragende Rolle spielten. Nach Abschluß seines Studiums ging Koreff nach Paris, wo er als Arzt eine außerordentlich große Praxis erwarb. Der wesentlichste Zug an ihm ist sein ungeheures Geltungsbewußtsein; so versuchte er sich in Paris dadurch eine besondere Stellung zu schaffen, daß er für seine ärztliche Tätigkeit kein Honorar nahm. Später trat er dann als Leibarzt des Staatskanzlers Hardenberg in den preußischen Staatsdienst. Sein Beschützer versuchte für ihn durchzusetzen, daß er Professor an der Berliner Universität wurde, und als man im letzten Augenblick alle diese Bemühungen mit der Begründung zu x) Das Breslauer Staatsarchiv Rep. 199 MRXV 5 vol. 2 enthält ein Gesuch der Judenschaft, dem Dr. med. Joachim Salomon Koreff das Recht der Niederlassung zu gewähren, da Dr. Kisch 1757 in seine Heimat Prag zurückgekehrt ist. [I.Elbogen]. hintertreiben sich bemühte, daß Koreff noch ungetauft sei, tat dieser den schon vorhin erwähnten Schritt, der ihm seelisch sicherlich keinerlei Schwierigkeiten mehr bereitet haben wird. Diese Jahre seiner Tätigkeit im preußischen Staatsdienst gaben ihm eine unerhörte Allmacht. Er beschränkte seine Tätigkeit nicht nur auf medizinische Dinge, sondern spielte auch in der Politik eine erhebliche Rolle, woraus, wie nicht anders zu erwarten, ihm erhebliche Gegnerschaft erwuchs. Es kam zu erbitterten Machtkämpfen, die letzten Endes zu seinem Sturze führten. In jenen Jahren hatte er die Politik Europas entscheidend beeinflußt. Er war nach dem Kanzler der mächtigste Mann in Preußen gewesen. Nunmehr wandte er sich wiederum nach Paris, wo sich der längste und letzte Absatz seines Lebens abspielte. Er baute sich hier eine neue Existenz auf, und, wenn man ihn in Berlin als Juden bekämpft hatte, so bekämpfte man ihn hier als Preußen. In Paris machte er noch dadurch besonders von sich reden, daß er ganz im Gegensatz zu seinen Anfängen eine außerordentliche Honorarforderung gegen die Gräfin Lincoln einbrachte, die dann zu einem viel besprochenen Prozeß führte. Koreff ist schließlich arm gestorben, und sein ganzes Streben um Geltung, das sein Leben erfüllte, verlief letzten Endes ohne Resultat. Vielleicht ist dieser Ausgang aber auch ein Stück historische Gerechtigkeit. Wir haben es bei dieser Persönlichkei. mit einem außerordentlich begabten und im Kern seines Wesens anständigen Manne zu tun, der lediglich durch die Umstände, in die er hineingeboren war, den Boden sicherer Verankerung verloren hat. Der eigentlichen Lebensskizze, die wir hier nachzuziehen versuchten, fügt dann Oppeln-Bronikowski eine außerordentliche Fülle von Dokumenten bei, die das Bild des Mannes scharf erkennen lassen. Es wäre zu wünschen, daß in ähnlicher Weise die anderen jüdischen Persönlichkeiten der Emanzipationsepoche dokumentarisch erforscht würden, um allmählich zu einer Gesamtwertung des jüdischen Menschen im Anfang des 19. Jahrhunderts kommen zu können. Breslau. Willy Cohn. 172

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.