Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 2 (Juli 1929)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 168 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2259275-2259276-2259279-2259857--2529-2259982- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Bücherschau Berthold Rosenthal, Heimatgeschichte der badischen Juden. Bühl 1927. Dieses Buch ist, wie das Vorwort lehrt, „für Gebildete aller Stände . . . ohne Unterschied des Bekenntnisses" und für die gereifte Jugend bestimmt. Es war also kein rein wissenschaftliches Ziel, das dem Verfasser vorschwebte. Das Buch soll trotzdem hier besprochen werden, weil es die erste zusammenfassende Arbeit über das Thema und eine fleißige, auf eigenen Quellenstudien beruhende Arbeit ist. Die im folgenden festgestellten Mängel des Buches erklären sich aus dieser unglücklichen Zwitterstellung zwischen wissenschaftlicher und populärer Struktur. Schon im Titel des Buches kommt diese Unklarheit zum Ausdruck. Eine „Heimatgeschichte" kann man nur von einer „Heimat", d. h. einem nur räumlich zu fassenden, eng begrenzten Gebiet schreiben, nicht aber von einem politisch gefaßten und überdies weit gestreckten Gebiet und noch weniger von einer Menschengruppe. Letztere Incongruenz könnte man sich etwa (zugespitzt) an einer „Heimatgeschichte der Hugenotten" deutlich machen. Dieser ungewöhnliche Titel soll offenbar nicht so sehr den Inhalt als den Zweck des Buches bezeichnen. Damit käme dann schon im Titel die didaktische Zielsetzung des Verfassers zum Ausdruck. Diese Absicht wirkt sich aber auch im Aufbau des Werkes aus. Von dessen über 500 Seiten ist rund die Hälfte von der Darstellung des 19. Jahrhunderts eingenommen. In diesen Zeitabschnitt hat sich der Verfasser mit solcher Liebe versenkt, daß er mehrfach seitenweise Landtagsprotokolle abdruckt und nicht immer zwischen Wichtigem und Unwichtigem scheidet, ge- 168 legentlich auch das Rohmaterial ganz unbehauen hinstellt. (SS. 273, 300, 418 u. a.). Recht unerheblich für die Zusammenhänge ist z. B. das „beglückende Familienleben" des Ministers Lamey (S. 295), der eigene Hausstand seiner Kinder (S. 401) und manches andere, was alle Beziehung zum Thema vermissen läßt. Vielleicht erklären sich diese leichten Unsachlichkeiten aus den außerwissenschaftlichen S o n - derzwecken des Buchs. Viel schwerer wiegen für die wissenschaftliche Beurteilung die Mängel des ersten Teils, der den Zeitraum von ca. 300 bis 1800 behandelt. Die Aufgabe, die Geschichte der Juden inmindestens 20 Territorien, meist kleinsten Umfangs, darzustellen und am Schluß die Fäden alle zu einer Geschichte der badischen Juden zusammenzuführen, ist methodisch schwierig, und es ist selbstverständlich, daß verschiedene Wege zu diesem Ziel führen. Der Verfasser hat den folgenden Weg gewählt: er hat nach einer allgemeinen Einleitung (Leiden der Juden — Rechtsverhältnisse — Jüdisches Leben) die Territorien getrennt voneinander behandelt, hat dann anekdotenhafte Einzelbilder, wiederum allgemeiner Art, ausgemalt (Reuchlin war zwar geborener Badener, hatte aber mit den badischen Juden nichts zu tun, und nicht viel mehr Joselmann von Rosheim, dem man ebenfalls unerwartet in diesen Zusammenhängen begegnet). Mit dieser Behandlungsweise scheinen nun doch die sachlichen Schwierigkeiten, die einer einheitlich gefaßten Darstellung entgegenstehen, eher umgangen als bewältigt zu sein. Die Frage hat große Bedeutung, weil z. B. für ähnliche (noch fehlende) Geschichtsdarstellungen für Württemberg und Bayern dieselben Schwierigkeiten