Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 367 (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 367 zogen, nehme kein Geld an, vertheile das ihm gebotene unter die Armen, ereifere sich nur, „wenn er Andere bei Gottes Leiden und Wunden fluchen höre." Er sehne sich nach Ruhe „aus diesem Jammerthal" und wisse nicht, wozu ihn Gott aufbewahre, „ob er ihn vielleicht bis an den jüngsten Tag als einen lebendigen Zeugen des Leidens Christi zu mehrer Ueberzeugung der Gottlosen und Ungläubigen also erhalten wolle." Was spätere Dichter aus dem dankbaren Stoff des ewigen Juden gemacht haben, kann hier nicht berührt werden; uns interessirt nur die Sage in der Gestalt, in der sie den Deutschen des 16. Jahrhunderts erschien Nicht alle glaubten an die Erscheinung, die ihnen entgegentrat „der mehrer theil Hab dafür gehalten," so meint der naive Berichterstatter, „er habe einen fliegenden Geist bei sich, der ihm solch Ding offenbare"; der Erzähler selbst aber glaubt an die „wunderbarlichen und unerforschlichen Werke Gottes." Die Sage selbst athmet nicht eigentlich Haß gegen Juden und Judenthum. Der Vertreter der Juden, der ja freilich zur Strafe durch die Welt wandelt, ist vielmehr ein ordentlicher Mensch, auch sein Unglaube wird mehr als ein Werk der Priester dargestellt. Und vielleicht liegt doch der ganzen Erfindung und der schlichten Erzählung des 16. Jahrhunderts der Gedanke an den ewigen Bestand des Judenthums zu Grunde. Trotz aller Verfolgungen blieb die Nation, die Glaubensgemeinschaft bestehen, sie hatte keine Heimath und wußte sich überall anzusiedeln — der ewige Jude spricht die Sprache jedes Landes —; sie war ein lebendiger Zeuge der Vergangenheit, man wußte nicht, „was Gott mit ihr vorhatte", aber sie bezeugte ihre Dauer und ihren Bestand für alle Zukunft. Der ewige Jude kann auf seinem Marterwege einzelne Stationen machen: er findet mitleidige Herzen und offene Hände. Auch wir möchten, nachdem wir die Juden auf ihrem traurigen Gange durch die deutsche Literatur des 16. Jahrhunderts begleitet haben, für die Gequälten ein tröstendes Wort und für die müden Wanderer einen ermunternden Zuruf hören. Aber solche Zurufe sind äußerst selten. Selbst diejenigen, welche später den Märthrertod starben und gegen Ketzerverbrennung eiferten, wie Balthasar Hubmaier, waren eifrige Judenversolger (s. oben S. 315) und freie Geister, wie Seb. Franck, die eben wegen ihrer von der der Gesammtheit abweichenden Gesinnung als Ketzer betrachtet wurden und welche wußten, wie es that, demgemäß behandelt zu werden, fanden für die Juden kein gutes Wort (s. oben S. 318). Gelegentlich hatte wohl Luther für die Andersgläubigen eine freundliche Anrede, als wolle er sie in den großen neuen Bund allgemeiner Bruderliebe aufnehmen, aber seine einseitige, eifervolle Natur drängte ihn, wie wir sahen (oben S. 326 fg.), zur Bewährung des grausamen Spruches: „Wer nicht für mich ist, der ist wider mich". Nur drei Friedensworte kann man aus der heftigen Streitepoche herausheben. Das eine rührt von Johann Böschenstein her, der selbst ein Ueber eine unmittelbar aus dem Deutschen geschöpfte englische Ballade vgl. Herfords oben anqesührtes Werk, S. 185. 2) Die nachfolgenden drei Stellen sind dem vortrefflichen Werke K. Hagens, Deutsche rel. und Lit. Verh. im Refzeita., Erlangen 1843, II, 291, 292, 347 entnommen. Nur in einem Punkte — aber es ist doch wohl der Cardinalpunkt —