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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 103

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 103 (sequence 117)
Language
German
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Moment gewesen, mich für Ihr vielfaches ironisches Lächeln einmal pauschalier mittelst eines grausen Hohnlachens zu revanchieren ich blieb jedoch stumm; ich kann es nicht leugnen, Sie haben mir damals mehr imponiert als je. Sie werden begreifen, daß ich diese kleine Geschichte, welche von den Tatsachen zum Rang einer Anekdote emporgehoben wurde, jedem Menschen erzähle, der den Namen „Theodor Herzl" ausspricht. Sie ist aber so wahrscheinlich, daß sie alle Welt für erfunden hält. Ich erinnere mich noch meines letzten Zusammentreffens mit Ihnen — auf irgend einem Ball, in einer Nacht, wie Sie schon lange, aber schon sehr lange ein berühmter Mann waren, während ich an mir, an meinem Beruf — an beiden! — verzweifelnd, von niemand eigentlich ernst genommep, meinen Ehrgeiz als guter Gesellschafter und Demimondainer (in Bourget's Sinne) zu befriedigen suchte. Ich war an jenem Abend besonders gut gelaunt und, wie ich glaubte, namenlos elegant. Da erschienen Sie. Mit ruhigen, überlegenen Augen prüften Sie meine Krawatte und — vernichteten mich. Wissen Sie, was Sie sagten? — „Und ich hielt Sie für einen Brummelü!" — Ich hatte die deutliche Empfindung, in Ungnade gefallen zu sein. Es war klar, daß ich lernen mußte, meine Krawatten besser zu knüpfen oder doch wenigstens auf einem andern Gebiete etwas Hervorragendes zu leisten. In kühnen Momenten vermaß ich mich, beiden Zielen zuzustreben; vielleicht werde ich Sie auch einmal von meiner Krawattenknüpfbegabung zu überzeugen Gelegenheit haben? Und wenn ich nun heute bedenke, daß Sie offenbar darum mit mir nicht verkehren konnten — weil ich Ihnen dünkelhaft vorkam! Und gar Ihnen gegenüber! Ich, der sich die „Causa Hirschkorn" aus der Leihbibliothek, das „Neue von der Venus" von einem guten Bekannten ausgeliehen, und der sich das „Buch der Narrheit" sogar gekauft hat, als es eines Tages in einer Auslage um 15 Kreuzer sichtbar wurde. Ich, der zwar vom „Flüchtling" behauptete, er könne durch die Burgtheaterbesetzung gehalten werden, der aber bei den „Prinzen aus Genieland" die Ansicht verfocht, daß Sie im Carl-Theater zu Grund gespielt wurden. — Ich weiß nicht, ob es mir mit dem Bisherigen gelungen ist, Ihnen gerade das zu sagen, was ich Ihnen sagen will: daß es wahrhaftig nicht viele Menschen auf der Welt gibt, auf deren Urteil ich den gleichen Wert legen möchte wie auf Ihre. Ermessen Sie daraus, wie sehr mich Ihre freundliche Anerkennung gefreut und wie wohltuend mich besonders der warme und weiche Ton berührt hat, mit welchem Sie zu mir sprechen. Daß ich Ihnen aber auch persönlich sympathisch geworden bin, kann ich unmöglich der Bekanntschaft mit meinem Stück allein zuschreiben: da hat gewiß mein Freund Paul, der beste und liebenswürdigste der Menschen, das seinige dazu getan. Ich sage Ihnen für heute Adieu, verehrter Freund, und bitte Sie, meiner herzlichen Ergebenheit für alle Zeit versichert zu sein. Wien, 5. August 92. Ihr Arthur Schnitzler. G^^3> 103

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