Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 75

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 75 (sequence 85)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/1112869-9311769--418-1112957
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

flatterte und da sie nicht hatte, daß sie ruhen konnte, zurück zu Noah kam, daß er sie in die Arche nehme, so wird zu der Zeit die Seele der Menschen über der Sündflut flattern ihrer törichten Werke. Und Gott wird sich der Seele erbarmen und wird sie aufnehmen in seine heilige Arche. Und es wird auf der Erde wieder Freude werden; und wird Friede sein und große Stille: und wird Sabbath sein, Weltensabbath. Und zu der Zeit wird auch Ahasvers Seele in Gottes Arche kommen und daselbst ruhen und feiern für immer. Aber diese Zeit ist noch ferne und der endlichen Rast wird noch vorangehen unendliche Unrast---meine Sage ist noch nicht zu Ende — was ist's, daß ihr traurig werdet, daß ihr unruhig werdet, und blicket wie suchend bald dahin, bald dorthin? Das ist's! Der Abend neigt sich und der Sabbath geht zur Neige — da mahnt die Zeit euch von mir zu gehen. Geht denn! Geht, solang euch noch der helle Abend sein freundliches Geleite gibt — und mögen euch, wenn die Nacht hereinbricht, des Himmels Sterne dorthin leiten, von wannen ihr kommt. Längeres Schweigen. Ich bin allein, bin wieder allein. Denn, was um mich, ist nicht Friede mehr, nicht Ruhe, nicht Stille mehr. Wer ruft? Denn ich höre deutlich eine Stimme rufen: „Zur Neige geht der Sabbath" — ich horche, von wannen sie kommt — von allwärts dringt sie zu mir. Es ruft von oben, vom Himmel ruft's: ruft's der. Abendstern? Es dringt von der Tiefe herauf, von deiner stillen Tiefe herauf, du Strom der Wunder — geht nicht ein leises, leises Zittern über deine Flut? Oder kommt der Ton von meiner Seele gar? — Denn auch sie erzittert jetzt: von allwärts kommt's; von allwärts kommen Stimmen und Zeichen. Nun schwellen stärker die Töne, größer werden die Schatten — wilder wird's an diesem einsam wilden Ort. Horch! Wie ein fernes Donnern kommt's heran; vom Himmel nicht; ein unterirdisch tiefes Grollen. So bist du es denn, für den ich dich hielt, du Wunderstrom! So bist du Sambathjan und kündest mit Brausen, daß vorüber der Sabbath! Weicht unwillkürlich zurück vom Ufer. Wie du schwillst und steigst und steigend reißende Fluten wälzest. Gewaltiger Strom, du gebietest mir zu gehen: ich gehorche dir. Meine Rast hat ein Ende. Während er nach dem Wanderstabe greift, wächst das Tosen ungeheuer. Es wird Nacht, tiefe, finstere Nacht. Ein Blitz flammt auf und in seinem Schein erblickt Ahasver einen schmalen, steil ansteigenden Pfad. Dorthin strebt er zu gelangen. Nun zuckt ein zweiter Blitz. In seinem grellen Licht sieht man Ahasver — nun eine fast übermenschliche Greisengestalt, die, den Pfad hinanschreitend, ohne Trotz, nur voller Macht und Mut durch den Tumult sich durchkämpft. Für einen Augenblick wird es stille, unheimlich still vor dem bald neu anhebenden Sturm. Da steht auch Ahasver still und ruft: Mir ist nicht bange vor euch, ihr Wilden! Ihr seid stärker, aber stark bin auch ich. Trage mich denn Sturm — trage mich: Jetzt oder einmal trägst du mich zu — Gott.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.