Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 83)
- Language
- German
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Ahasvers Rast und Unrast. Von BERNARD TAG. Ahasver steht am Ufer und bückt wie versonnen in den ruhigen Wasserspiegel; dann bückt er sich, taucht langsam die Hand in die reine Flut und netzt Augen, Stirn und Bart. Einige Schritte entfernt eine Weide; an ihrem Stamm lehnt sein Wanderstab. Heller Tag. Du bist wie der Wunderstrom der Sage — oder bist du der Wunderstrom selber? Bist der Strom Sambathjan? der mit schneller Flut dahinbraust, sechs Tage, aber stille wird wie ein stehend Wasser, wenn der Sabbath naht? Denn so still bist auch du; groß und so still. Und heute auch ist Sabbath. Wie kam ich an deine friedlichen Ufer, stolzer, namenloser Strom — oder Wunderstrom, daß ich dich nenne. — Ich kam zu dir, ich weiß nicht wie, in dunkler, in tiefdunkler Nacht. Sieht um sich. Welches ist der Weg, wo der Pfad, der zu dir mich brachte — ich sehe keinen. Ist dir bange Ahasver? Wo denn wäre die Wildnis, wo die Wüste, die nicht schon dein Fuß betreten hat, nicht wegsam schon gemacht, wenn auch wegsam bloß für dich? Und wozu, wozu? Zu tragen, immer wieder zu tragen, dieses alte, alte Leben, vor dem der Tod entflieht, wie sonst nur alles Leben vor dem Tode flieht und doch —. In dieser Nacht, in dieser finsteren Nacht, da ich mit unsicherem Schritt mich vorwärts tastete, und vom Wandern müde hinsank auf den Erdenfleck, als Not- und Lagerstätte für die matten Glieder; und nach tiefem Schlaf die Augen öffnend, über mir Sterne leuchten sah, und im Sternenschein nach und nach den Ort ersah, an dem ich weilte — du stiller, du einsamer, du heiliger Ort! — so entstürzten Tränen meinen Augen, heiße, ungewohnte Tränen; und Hbetete ich in meiner Unrast stets: „Herr, laß enden mich!" so betete ich da und bete jetzt: „Herr, ich danke dir, daß du mich an diesen Ort gebracht, zu ruhen hier an deinem heiligen Ruhetag." Sabbath! In diesem Klange liegt die halbe Welt — und liegt in ihr die ganze nicht? Die Welt, die du erschaffen, Herr, ist schön, aber schöner nie als in der Sabbathruhe. Er steht lange in sinnendem Schweigen. Ruhe, Stille, Frieden: Auch zu Ahasver kommt ihr an diesem Tag; ihr kommt zum alten Ahasver in sein einsam Heim — so seid ihm willkommen als seine lieben Gäste. Womit euch der Alte wohl bewirten wird? Ahasver ist alt und arm — was sollt' er euch bieten! 6 73