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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 50

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 50 (sequence 56)
Language
German
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Die Judenassimilation seit Mendelssohn. Ein geschichtlicher Überblick. Von Dr. D. PASMANIK. er redet heute nicht von Assimilation der Juden? Und wer schimpft nicht über die Assimilation? Und wer hat dadurch irgendwie diese traurige Erscheinung beeinflußt? „Alles Seiende ist vernünftig," sagt Hegel. Alles, was ist, muß durch das Leben verursacht sein. Das vergessen fast alle diejenigen, die sich damit begnügen, über die Assimilanten und über die Assimilation zu schimpfen. Und doch sollten wir uns a priori sagen, daß so einfach die Erscheinung doch nicht ist, daß man da mit der Schlechtigkeit der Juden gar nichts erklärt. Nun aber hat die richtige Erkenntnis der Assimilation, als einer pathologischen oder normalen Lebenserscheinung des jüdischen Volkes nicht bloß einen theoretischen Wert für den Soziologen, sondern vielmehr eine eminent praktische Bedeutung für den jüdischen Politiker, der ein nationales Ideal verfolgt. Nur wenn wir die objektiven Ursachen der Assimilation aufdecken, können wir hoffen, auch die Mittel zu ihrer Bekämpfung ausfindig zu machen. Und das ist umso notwendiger, als die Assimilation der Juden seit der Epoche Mendelssohns und der großen französischen Revolution sich immer mehr ausbreitet und vertieft. Die Assimilation ist überall da: unter den Juden Amerikas und Deutschlands, aber auch unter denjenigen Rußlands, der Türkei und Marokkos. Und es ist nicht mehr eine spezifische soziale Klasse von Juden, etwa die finanzielle Bourgeoisie, die sich assimiliert; auch das jüdische Proletariat beginnt sich zu assimilieren, was ja am besten an der jüdischen Sozialdemokratie sichtbar ist. Eine so in die Breite und Tiefe ausgedehnte Erscheinung muß ihre tiefen Ursachen haben, muß von irgend einer bestimmten Teleologie (Zweckmäßigkeit) geleitet sein. Was hilft da das Schimpfen? Und sind denn diejenigen, die über die Assimilation schimpfen, von ihr vollständig frei? 50 Sind sie selbst nicht von ihr bis indie verborgensten Tiefen ihres psychischen und sozialen Lebens durchdrungen? Wer von uns darf heute behaupten: „Ich bin ein nationaler Jude und bin von der Assimilation nicht beeinflußt"? Auch der allerüberzeugteste Zionist spricht eine fremde Sprache, ist den traditionellen Idealen völlig entfremdet und ist mit allen Fasern seiner Existenz ins Fremde hineingewachsen. Die vorliegende Arbeit will die Assimilation erkennen und nicht beurteilen. Die erste Grundlage der Heilung ist die Erkenntnis der Krankheit. Die Assimilation ist eine Krankheit, nicht eine Schlechtigkeit des jüdischen Volkes. I. Die Assimilation der Juden während der letzten 125 Jahre in den verschiedenen Ländern beruht auf zwei Ursachen: einer wirtschaftlichen und einer geistigen. Es ist wohl eine allbekannte Tatsache, daß überall die Ersten, die die Assimilation theoretisch gefordert und praktisch durchgeführt haben, alle ausnahmslos zu der jüdischen Großbourgeoisie und zu den ihr angehörenden Repräsentanten der liberalen Professionen gehörten. In Preußen nannte man sie damals die „ Generalprivilegierten Alle diese Samson's, Jacobsohn's, Friedländer's, Herz's in Deutschland, Pereira, Fuld, de-Castro, Fourtado in Frankreich, und wie sie alle heißen mögen, gehören zur damaligen jüdischen Großbourgeoisie: Kammeragenten, Finanzräte, Bankiere, Großunternehmer, Arzte. Ihre wirtschaftlichen Interessen zwingen sie, sich an die herrschende Kultur anzupassen, die Landessprache, die Kultur- * „Der Anteil der Juden am Unterrichtswesen in Preußen". S. 14—15. Veröffentl. des Bureaus für Statistik der Juden. Berlin. 1905.

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