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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 38

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 38 (sequence 44)
Language
German
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der Judenseele war. Beim Ausbruch der furchtbaren Judenverfolgungen in Rußland und Rumänien erhoben sich allenthalben Männer, beeinflußt von Heß', Kalischer's, Pinsker's Schriften sowie der übrigen rasch aufblühenden und weit verbreiteten jüdischen Literatur, und griffen den Gedanken der Kolonisierung Palästinas auf. Allenthalben vereinigten sich Gruppen von Männern in dem Verlangen nach Rückkehr in's Heilige Land. Dr. Herzl, dem immer das Glück gelächelt hat, ein Liebling der Gesellschaft, ein Liebling des österreichischen Lesepublikums, ein Mann, der sich scheinbar weit vom Judentum entfernt hatte, bekennt sich plötzlich zu seiner Nation und bekundet seinen Willen, für ihre Sache zu wirken und einen Judenstaat zu gründen. Nur kurze Zeit vergeht und es geschehen Dinge, die sich selbst der kühnste Optimist nicht hatte träumen lassen. Herzl findet Anhänger nicht nur unter den Armen des Ghetto, unter den russischen Chassidim, sondern auch ein Pariser Jude wie Max Nordau, ein englischer Christ wie Holman Hunt, und manche, die sich noch vor zehn Jahren hätten taufen lassen, um so jeden Zusammenhang mit dem Judentum ableugnen zu können — sie alle scharen sich um seine Fahne. Und hinter diesen stehen tausende von Juden aus den sogenannten unteren Schichten, stehen tausende der sogenannten Orthodoxen, die sich nicht nur von Vernunftgründen leiten lassen, sondern von aufrichtiger Liebe und Anhänglichkeit zu ihrem Volke. Dies ist, in kurzen Worten dargestellt, die Entwicklung des Zionismus. Auf vieler Juden Lippen schwebt jetzt die Frage: „Was weiter?" Unsere Antwort lautet: Es ist jetzt an der Zeit, daß sich alle Zionisten organisieren, gemeinsame Grundsätze aufstellen, für die Verbreitung ihrer Ideen sorgen und die Verwirklichungsmöglichkeit ihres Ideals beraten. Dies ist heute nicht nur wünschenswert, es ist unerläßlich; wir brauchen ein Zentrum, dessen Äußerungen von allen Zionisten gehört und befolgt werden. Wir müssen einen Führer wählen, der bereit ist, Opfer zu bringen, fähig ist zu regieren und gewillt ist, für jeden seiner Schritte dem Volke gegenüber die volle Verantwortlichkeit zu übernehmen. Das alles müssen wir haben, wenn wir unsere Bemühungen von Erfolg gekrönt sehen wollen. Unsere nächste Aufgabe ist die Organisation; wir wollen etwas Greifbares schaffen, das unseren Eifer zu künftiger Tätigkeit anspornen und unseren Feinden beweisen soll, wie lebenskräftig der jüdische Volksgedanke ist, beweisen, daß wir nicht tot sind, sondern lebend und lebensfreudig. Die galizischen Juden schließen sich in dem Rufe nach Organisation den deutschen, russischen und rumänischen Zionisten an. Wir begrüßen Dr. Herzl aufs wärmste als den unerschrockenen Verkünder unserer Ideen und seinen Plan eines Zionistenkongresses als den Anfang einer Neuentwicklung im Zionismus. Eine Zusammenkunft aller Zionisten ist unbedingt notwendig. Von Euch, Brüder, wollen wir nun hören, wie die Verhältnisse in anderen Ländern liegen, und welches Eure Meinung in bezug auf die einzuschlagende Marschroute ist. Wir 38

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