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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 11

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 11 (sequence 13)
Language
German
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in den Büchern der Propheten die Anrufe zur Überwindung der Ungerechtigkeit, in den Psalmen den immer wiederkehrenden Aufschrei nach Reinigung durch Gott, im Hiob die Worte der Einsicht in den Zwiespalt zwischen Innenwelt und Außenwelt — und man wird überall das Gefühl und die Erfahrung der Entzweiung finden — und überall das Streben nach Einheit. Das Streben nach Einheit. Nach Einheit im einzelnen Menschen. Nach Einheit zwischen den Teilen des Volkes, zwischen den Völkern, zwischen der Menschheit und allem Lebendigen. Nach Einheit zwischen Gott und der Welt. Und dieser Gott selbst war aus dem Streben nach Einheit hervorgegangen, aus einem dunklen, leidenschaftlichen Streben nach Einheit. Er war nicht aus der Natur, sondern aus dem Subjekt erschlossen. Der gläubige Jude „fragte nicht nach Himmel und Erde, wenn er Ihn nur hatte": weil er ihn nicht aus der Wirklichkeit, sondern aus der Sehnsucht geschöpft hatte, weil er ihn nicht in Himmel und Erde erschaut, sondern ihn sich als die Einheit über der eigenen Zweiheit, als das Heil über dem eigenen Leid erbaut hatte. Der gläubige Jude (und der gläubige Jude war der vollständige Jude) fand in seinem Gott seine Einheit; er rettete sich in ihm zu jener mythischen Zeit, zu jener kindheitlichen Zeit des ursprünglichen, noch unzertrennten Daseins zurück, da, wie Hiob sagt, „Gottes Geheimnis über meiner Hütte war"; er rettete sich in ihm in jene künftige, messianische Zeit der Wiedervereinigung hinüber; er erlöste sich in ihm von aller Dualität. Denn wie die Idee der inneren Zweiheit, so ist auch die Idee der Erlösung von ihr eine jüdische. Wohl steht ihr die indische Erlösungsidee als die^ reinere und unbedingtere gegenüber; aber diese bedeutet das Freiwerden nicht von der Dualität der Seele, sondern von ihrer Verstrickung in die Welt. Die indische Erlösung meint ein Erwachen, die jüdische eine Umwandlung; die indische ein Abstreifen des Scheines, die jüdische ein Ergreifen der Wahrheit; die indische ein Verneinen, die jüdische ein Bejahen; die indische begibt sich im Zeitlosen, die jüdische meint den Weg der Menschheit. Sie ist, wie alle historische Anschauung, die unwesenhaftere, aber die bewegtere. Sie allein kann wie Hiob sprechen, „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt", und wie der Psalmist: „Erneue den Geist in mir". In ihr allein wurzelt die Erlösungsidee des Juden Jesus. Sie hat, zur Erlösung der Welt hingewandt, eine große jüdische Schöpfung hervorgebracht: das messianische Ideal, das in seinem Grunde der Gedanke der absoluten Zukunft ist. Und als sich in der jüdischen Mystik der ursprüngliche Charakter der Gottesidee wandelte, als die Zweiheitsanschauung in die Vorstellung von Gott selbst hineingetragen wurde, da wuchs die jüdische Erlösungsidee zur Höhe der indischen empor: sie wurde zur Idee der Erlösung Gottes; zur Idee der Wiedervereinigung des Gotteswesens, das den Dingen entrückt ist, mit der Gottesglorie, die wandernd, irrend, verstreut bei den Dingen wohnt; zur Idee der Erlösung Gottes durch die Kreatur. Dadurch, daß jede Seele aus ihrer Zweiheit zur Einheit kommt, daß jede Seele Eins wird in sich, wird Gott wieder Eins in sich. — Was ich bisher ausgeführt habe, schließt bereits das ein, um das es uns hier wesentlich zu tun ist: das Problem des schöpferischen Juden. Was den Juden schöpferisch gemacht 2* 11

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