Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 9 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
95% known words query
IRI
…/1112869-9311769--344-1112883
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Der Jude und sein Werk, Eine Ansprache* von MARTIN BUBER. „Dies ist sicher: ein Schauspieler oder ein wahrer Mensch; der Schönheit fähig- und doch häßlich; lästern und asketisch, ein Charlatan oder ein Würfelspieler, ein Fanatiker oder ein feiger Sklave, alles das ist der Jude." In diese Worte hat Jakob Wassermann einst das gefaßt, was ich als das Grundproblem des Judentums, als den rätselhaften und furchtbaren Widerspruch seines Daseins empfinde: seine Dualität. Man magdieses Volk selbst betrachten, namentlich da, wo es in g-eschlossener Gemeinschaft lebt; man mag sich sein Erleben wiederaufbauen, wie es sich in seiner Geschichte ausgesprochen hat; man mag sein Schrifttum durchforschen, in dem sein Wesen zum Werke wurde; immer wieder werden die Gegensätze starr und unvermittelt vor einen treten, Gegensätze, wie sie in keiner andern Gemeinschaft je so ins Äußerste getrieben nebeneinander standen: die mutigste, rücksichtsloseste Wahrhaftigkeit neben der Verlogenheit des innersten Lebensgrundes; der letzte Opferwille neben der gierigsten Selbstsucht. Kein anderes Volk hat so niederträchtige Spieler, Kuppler und Verräter, kein anderes Volk so erhabene Märtyrer, Propheten und Erlöser hervorgebracht. Und nicht etwa in verschiedenen Epochen, nicht etwa, daß das Hohe das Urjudentum und das Niedrige die Entartung wäre; sondern in jeder Zeit stehen sie bei einander, ja es sind oft dieselben Menschen, in denen und um die das Ja mit dem Nein ringt und die durch seltsame Erschütterungen, Krisen, Entscheidungen den einen oder den anderen Pol erreichen. Ich sagte: Es sind oft dieselben Menschen. Ich hätte sagen sollen: in allen Juden lebt Beides irgendwie. Keiner kann wie der Jude verstehen, was es heißt, durch sich selbst versucht zu werden; keiner hat solche Fülle der Anlage-und solche Fülle der Hemmung wie der Jude. Die Lebensgeschichte eines Volkes ist ja im Grunde nichts anderes als die ins Große projizierte Lebensgeschichte eines Volksmitgliedes, und was uns die Historie des Judentums lehrt, das kann von jedem einzelnen Juden durch Selbstbetrachtung ergänzt und bestätigt werden, wenn er nur unerschrocken und klarsichtig und ehrlich genug ist. Und das gilt es zu sein: unerschrocken und klarsichtig und ehrlich; denn es geziemt uns nicht, der tiefen Wirklichkeit unseres Daseins auszuweichen, und es wird uns kein Heil werden, ehe wir ihr gegenübergetreten sind und ihr standgehalten haben. Damit aber, daß die Frage, ohne die Sphäre des Volkslebens zu verlassen, in die Sphäre des Lebens des Einzelnen eintritt, wird es auch offenbar, daß sie im Grunde etwas größeres als eine ethnische, als eine „nationale": daß sie eine menschheitliche Frage ist. * Das Problem, das in dieser Ansprache nur auf die Frage des Schöpferischen hin betrachtet worden ist, wird in seinem ganzen Zusammenhange in meinem Werk über das Judentum zur Darlegung gelangen. M. B.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.